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Artikel getaggt mit ‘plagiat’

Heute: Vortrag zum Wissenschaftsplagiat!

25. Januar 2012: Vortrag von Dr. Achim Förster (Richter, Landgericht Schweinfurt) zum Thema Das Wissenschaftsplagiat aus urheberrechtlicher Sicht. 20.00 Uhr; U7, HS 105. Eintritt frei!
Die Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg hat das Phänomen der Wissenschaftsplagiate aus dem Elfenbeinturm befreit und in den Fokus der Allgemeinheit gerückt. Nach gut einjähriger öffentlicher Diskussion ist nunmehr die Zeit reif für eine juristische Bilanz und einen grundlegenden Blick auf die urheberrechtlichen Aspekte von Plagiatsvorwürfen. In diesem Zusammenhang stellen sich nicht nur Fragen zum Inhalt und Umfang des Urheberschutzes sowie zum Verhältnis von einfacher Urheberrechtsverletzung und „Plagiat“, sondern auch zur Grenze zwischen vorsätzlichem und vorsatzlosem Handeln.

(Selbstverständlich wird ein Besuch dieses Vortrags für den Zusatzpunkt im Basismodul Literaturvermittlung angerechnet!)

Plagiatsaffäre Koch-Mehrin – neue Runde (und einige Anmerkungen zum Diskurs)

Wie immer ist nicht nur der Artikel interessant, sondern vor allem auch die heftig geführte Diskussion, die zeigt, wie unterschiedlich die Positionen, die einzelnen Fächerkulturen und Erwartungen an die Beteiligten sind.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,775100,00.html

Ich möchte mich nachfolgend zu einigen Aspekten äußern, ohne damit suggerieren zu wollen, dass andere Facetten der Diskussion uninteressant wären.

  1. Es gibt derzeit viel Unmut gegenüber den Betreuern von Dissertationen mit dem Tenor „Wenn die ihre Arbeit ordentlich machen würden, ginge ohnehin kein Plagiat durch.“ Solche Ansichten werden oft vor dem Hintergrund bestimmter Fächerkulturen geäußert, in denen es anscheinend üblich ist, dass die Betreuer ihren Doktoranden einen Mini-Aspekt des eigenen Spezialgebietes oder Drittmittelprojekts zur Ausarbeitung zuweisen, also eines Wissensfeldes, das sie perfekt überblicken. In solchen Fällen ist eine Leitung, Überwachung und Kontrolle der Doktoranden machbar und vielleicht noch zusätzlich dadurch motiviert, dass man deren Ergebnisse in eigene Studien einarbeiten will. Bei mir und anderen germanistischen Kollegen ist hingegen ein anderer Usus die Regel: Wir lassen uns zumeist auf selbständig entwickelte Projekte ein, die von unseren eigenen Forschungsfeldern weit entfernt liegen und die wir – nach unseren Möglichkeiten (wir vertreten schließlich ein Massenfach und haben „richtig viele“ Studierende und folglich auch „richtig viele“ Klausuren und Abschussarbeiten zu korrigieren) und nicht zuletzt auch den Bedürfnissen der Doktoranden – mehr oder weniger intensiv begleiten. Manche Doktoranden benötigen vielfältige Unterstützung (beim Aufbau des Konzepts, bei der Optimierung der Argumentation, der Kreation von Ideen, methodischen Problemen, häufig auch bei der sprachlichen Gestaltung – weniger bei  der Auswertung einschlägiger Forschungsliteratur auf bestimmte Details hin), andere lassen den Betreuer während des Arbeitsprozesses kaum in die eigenen Karten schauen, weil sie nur Perfektes vorliegen wollen. Häufig leben solche Doktoranden nicht einmal mehr am Uni-Standort. Ich lasse mich auf beide Typen von Betreuungsverhältnissen ein, die Menschen sind nun einmal so verschieden wie ihre jeweiligen Lebens- und Arbeitssituationen. Das Plagiatsrisiko halte ich übrigens in beiden Fällen für ungefähr gleich hoch: nämlich für ziemlich gering, weil ich im Normalfall (!) nur Doktoranden annehme, die ich kenne und schätze.
  2. Die Vorstellung, man würde sich als Professor mit Doktoranden „schmücken“ wollen und deshalb mehr annehmen, als man sinnvoller Weise betreuen kann, ist für den akademischen Bereich, den ich überblicke, absurd. Die Betreuung von Doktoranden bedeutet immer eine erhebliche Zusatzarbeit, die man als Professor auf sich nimmt, weil man meint, solches begabten Schülern schuldig zu sein. Ich nehme demnach so viele Doktoranden an, wie ich meine „verkraften“ zu können. Eine konkrete Zahl ist dabei kaum anzugeben, weil sich die ,Betreuungsintensität’ extrem unterschiedlich darstellt. Beispiel: Die Betreuung der Arbeit eines Nicht-Muttersprachlers, womöglich noch aus fremdem Kulturkreis, kann leicht so viel Zeit und Energieeinsatz kosten wie die Betreuung von sechs oder acht selbstständig arbeitenden Leuten „aus dem eigenen Stall“. Mein „Ansehen“ bei Studierenden und Kollegen hängt – jedenfalls in meiner Wahrnehmung – in keiner Weise von der Zahl meiner Betreuungsverhältnisse ab; ich gehe davon aus, dass mein soziales Umfeld sich überhaupt nicht dafür interessiert, wie viele Doktoranden ich habe.
  3. Die Diskussion über Plagiate geht m.E. am Hauptproblem betrügerischer Qualifikationsleistungen vorbei – dem Einkauf fertiger Arbeiten bzw. einschlägiger Hilfeleistungen (intensive Lektorierungen, intensive Formen der ,Promotionsberatung’). Man sollte fragen, ob nicht-kreative Doktoranden plagiieren oder nicht eher überlastete Ghostwriter. Freie Lektoren äußern mir gegenüber, dass sie sich vor einschlägigen Angeboten kaum retten können und die Kunden auf energische Ablehnung mit unverhohlenem Unverständnis reagierten: „Der Kauf solcher Arbeiten sei doch wirklich üblich!“ (Nebenaspekt, einmal andersrum gefragt: Welche Berufschancen bietet unser Hochschulsystem höchstqualifizierten akademischen Fachkräften, wenn diese 50 Jahre alt geworden sind und ihre Zeitverträge und Projektstellen an der Universität endgültig auslaufen?)
  4. Ich lese in den Foren gelegentlich despektierliche Äußerungen gegen die Promotionsnote „rite“; dagegen möchte ich ausdrücklich Stellung nehmen: Wenn ich ein „rite“ vergebe, zolle ich der betreffenden Arbeit den Respekt einer durchaus akzeptablen wissenschaftlichen Leistung. Genügt eine Arbeit diesem Anspruch nicht, wird sie abgewiesen oder zur Überarbeitung zurückgegeben. (Verdächtig ist viel eher eine inflationäre Vergabe der „summa“-Benotung.) Bei „rite“-Arbeiten scheint mir das Risiko, einem Ghostwriter aufgesessen zu sein, übrigens minimal. (PS. Mit einem “rite”-Doktor einer deutschen Universität im Fach Germanistik ist in nicht wenigen Ländern dieser Welt eine Uni-Karriere gesichert.)
  5. Ganz besondere Problemfälle und zumeist entsetzliche Leidensgeschichten der beteiligten Kollegen sind wissenschaftliche Arbeiten, die ihre Existenz einer „Überbetreuung“ verdanken. Wie das? Beispiel: Ein externer Student (häufig aus fremdem Kulturkreis, des Deutschen mäßig mächtig) stellt sich vor und bittet um ein Gutachten für ein Stipendium; man schlägt den Wunsch nicht ab, zumal oft soziale Hintergründe mitspielen. Der Student schließt sich dem Gutachter eng an, besucht seine Seminare und konzipiert schließlich – für weitere Stipendien – ein Promotionsprojekt, für das er zunächst einen formalen Betreuer und Fachgutachter, später einen wirklichen Doktorvater braucht. Am Ende ist man „in die Sache reingerutscht“ und fühlt eine innere Verpflichtung, dieses Projekt zum Erfolg zu führen.
  6. Sollten wir generell knausriger mit Doktortitel umgehen? Ihn etwa nur noch für eine Elite von Uni-Wissenschaftlern vorsehen? Nein, ich vertrete hier eine entschiedene Gegenposition, auch eingedenk der Missbrauchsfälle. Als ,Geisteswissenschaftler’ halte ich es für sinnvoll und nützlich, wenn wir mehr Menschen mit einer intensiveren wissenschaftlichen Bildung in der Gesellschaft haben. Von meinem Fach her denke ich bei dieser Frage spontan vor allem an Lehrer: Gerade in diesem Berufsfeld ist es mir nicht unwichtig, dass es Leute an unseren Schulen gibt, die sich ihrer Fachdisziplin, dem wissenschaftlichen Betrieb und dessen Standards eng verbunden und verpflichtet fühlen, auch weil sie im Zuge ihrer Promotion länger Tuchfühlung zur Uni gehalten haben als die Mehrzahl ihrer KollegInnen und diese Beziehung vielleicht – durch Prüfungsbeisitz, Kooperationsprojekte u.a. – auch später noch weiter pflegen. (Dass sie damit automatisch bessere Pädagogen wären, unterstelle ich in keiner Weise. Aber der Titel macht sie eben so wenig automatisch zu schlechteren Pädagogen!)

Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb – Wahrnehmung, Probleme, Konzepte

3. Juli 2011 2 Kommentare

Durch die prominenten Fälle der letzten Monate hat das Thema der Aufrichtigkeit im Wissenschaftsbetrieb große Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden. Mir schien es sinnvoll, ihm auch einige Beiträge in diesem Blog zu widmen. Im Zentrum stand dabei zumeist das Phänomen des Plagiats, das aber nur einen Aspekt des Gesamtproblems bezeichnet. Abschreiben, Spicken, Täuschen und andere unlautere Praktiken gehören m.E. ebenso zum Gesamtkomplex wie die komplementären Verhaltensweisen unter Mitstudierenden, Dozenten, Professoren und Berufungsgremien, die solche Praktiken – vielleicht? – zu wenig unterbinden. Evtl. muss man in diesem Zusammenhang sogar auf die Einübung bestimmter Moralstandards in der Schule zu sprechen kommen, wo Abschreiben und Spicken ein cooles Image besitzt und die Anzeige solcher Verhaltensweisen als „Petzen“ verrufen ist.

Mit diesem Artikel möchte ich dazu einladen, aus der Sicht ganz unterschiedlich Betroffener, Meinungen zum skizzierten Gesamtkomplex zu äußern, die einerseits geeignet sind, das Phänomen realistisch zu beschreiben, anderseits – so möglich – Perspektiven für einen wissenschaftlich und pädagogisch verantwortlichen (sinnvollen, „gerechten“) Umgang damit aufzuzeigen.

Besonders interessiert bin ich an Informationen über „alternative Kulturen“ des Umgangs mit Plagiaten und verwandten Betrugsformen, z.B. in anderen Fächern, an anderen Universitätten und in anderen Kulturkreisen. Vielleicht haben ja unsere derzeit im Ausland studierenden Kommilitoninnen und Kommilitonen dazu spezielle Erfahrungen mitzuteilen? Wird dergleichen in anderen Ländern überhaupt diskutiert oder haben wir es (auch) hier (wieder einmal nur) mit einer spezifisch deutschen Aufregung zu tun?

Zur neuerlichen Aufnahme und Vertiefung des Themas haben mich kritische Kommentare zu einem meiner älteren einschlägigen Artikel angeregt, die Sie (mitsamt meinen Antworten) leicht nachlesen können, wenn Sie in der nebenstehenden Stichwort-Wolke den Begriff „plagiat“ aufrufen.

Nachtrag: Die Aktualität des Themas bewies auch die heutige ARD-Talkshow von Anne Will http://nachrichten.kukksi.de/2011/07/03/1930-anne-will-die-blender-republik-wie-weit-kommt-frech/

Thema „Plagiat“ schon wieder bzw. immer noch auf den Titelseiten

Dieses Mal auf der ersten Seite der jüngsten ZEIT: http://www.zeit.de/2011/26/01-Faelschungen

Instinktlos, schamlos oder einfach nur dumm?

Die deutschen Wissenschaftsorganisationen müssen schon wieder mobil machen: Gemeinsam fordern sie dieses Mal den Rückzug der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin aus dem Forschungsausschuss des EU-Parlaments. Ihr war kürzlich von der Universität Heidelberg der Doktortitel wegen massiver Plagiate aberkannt worden, woran sich ihre Kollegen (ob die überhaupt eine Vorstellung davon haben, wofür der Begriff „Plagiat“ steht?) aber offenbar wenig gestoßen haben, beförderten sie Frau Koch-Mehrin doch – vielleicht sogar mit der Intention, einschlägig bewiesene Rafinesse zu honorieren? –  zum Vollmitglied im Forschungs- und Industrieausschuss des EU-Parlaments, dem sie bislang nur in stellvertretender Funktion angehört hatte.

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wissenschaft-distanziert-sich-von-koch-mehrin/4323542.html

Nachtrag, Rücktritt schon erfolgt:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770584,00.html

(Aber mal ganz privat unter uns gefragt: Hätte man so etwas unter Polit-Profis wirklich nicht vorher ahnen und allen Beteiligten die Peinlichkeiten ersparen können? Wer sitzt da eigentlich im EU-Parlament herum?)

Wie geht’s an den Hochschulen eigentlich nach dem Fall Guttenberg weiter?

Die Guttenberg-Affaire hat die Sensibilität der akademischen Gemeinschaft für wissenschaftlichen Betrug massiv erhöht. Derzeit checken nicht nur selbsternannte Plagiate-Jäger inner- und außerhalb der Unis die Dissertationen vieler Promis auf Plagiate durch, in den deutschen Hochschulen arbeiten auch überall Kommissionen an Ergänzungen der Prüfungs- und Verfahrensordnungen, um dem Unwesen Riegel vorzuschieben und seine Verfolgung und Sanktionierung präziser zu regulieren. Wie immer das Endergebnis für Bamberg aussehen wird, die Studierenden dürfen sich auf einige Neuerungen einstellen: Ein Papier wird genau definieren, was Plagiate und Urheberrechtsverletzungen sind und wie korrekte Zitate auszusehen haben. Hausarbeiten werden zukünftig wohl immer auch in einer elektronischen Version abgegeben werden müssen, damit man sie auf einfache Weise mit Hilfe einer Plagiatserkennungssoftware überprüfen kann. Ihnen wird ferner eine ehrenwörtliche Erklärung beizufügen sein, wie das bislang nur bei Abschlussarbeiten üblich war. Darin wird u.a. zu versichern sein, dass man die betreffende Arbeit selbständig verfasst hat, alle fremden Gedanken darin genau markiert hat und dass das Opus (auch in Teilen) noch nicht in einem anderen Seminar eingereicht worden ist.

Im Prinzip finde ich diese Entwicklung schade, weil sie – ein beträchtliches Stück weit – Vertrauen durch Kontrolle ersetzt, glaube aber nicht, dass man heute als Hochschule in der Gesellschaft noch als seriös betrachtet wird, wenn man nicht entsprechend reagiert.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,749961,00.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77299726.html

http://www.spiegel.de/wikipedia/Betrug_und_F%C3%A4lschung_in_der_Wissenschaft.html

Plagiatejagd als Hobby? Eine eher nicht so gute (ursprünglich stand hier “bescheuerte”) Idee!

25. Februar 2011 3 Kommentare

(Dieser Vorspann in Klammern als Reaktion auf einen kritischen Kommentar, der mir vorhin – Ende Juni 2011 – vor Augen gekommen ist und diesem Beitrag anhängt: Ein Blog lebt von relativ spontan,  pointiert und nicht selten auch “unausgewogen” formulierten Positionen. Das darf wohl so sein und gilt natürlich auch grundsätzlich für die Erwiderungen auf bestimmte Artikel. Mein Blog zieht nicht allzu viele Kommentare auf sich und in der Regel lasse ich diese dann auch einfach unkommentiert stehen. Von dieser Praxis abweichend, habe ich heute, nach Lektüre des erhaltenen Kommentars, aber auch nach einigen Wochen zwischenzeitlicher Erfahrung mit dem Plagiatsdiskurs in Universität und Öffentlichkeit, die Überschrift meines ursprünglichen Beitrags korrigiert, um einer inhaltlich konträren Position Respekt zu zollen. Wie man sieht, lasse ich meine alten Argumente stehen, räume aber hier vorab gerne ein, dass die verhandelte Problematik durchaus eine dialektische Betrachtung verdient. Es ist in der Tat bitter, miterleben zu müssen, wenn Plagiatoren ungestraft gute Bewertungen, Stipendien und berufliche Positionen einfahren, die ehrlichen Arbeitern gleichzeitig versagt bleiben. Ich versichere, dass ich den Kampf gegen derartige Betrugsversuche in meinem Amt durchaus führe, und zwar um so intensiver, um je mehr es jeweils geht. Dessen ungeachtet würde ich meinen Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern abraten (vom “Verbieten” kann natürlich in diesem Zusammenhang keine Rede sein!), ihre Kommilitonen, Kollegen (und Konkurenten) oder auch irgendwelche prominente Titelträger zu überprüfen; jedenfalls nicht außerhalb ihrer normalen Rezensions- oder Kommissionstätigkeiten. Ich glaube nicht,  dass die große Gewinn- und Verlustrechnung – für die Gesellschaft wie auch den seelischen Haushalt des einzelnen Plagiate-Sheriffs – auf diese Weise letztlich günstiger zu gestalten ist, dass so “die Welt” besser gemacht werden kann. Nun folgt der ursprüngliche Artikel:)

Lese gerade, dass einige Leute bei Guttenberg auf den Geschmack gekommen sind und nun die Doktorarbeiten aller möglichen Promis auf Plagiate hin überprüfen wollen. Ich finde diese Idee selten dämlich (um stärkere Ausdrücke zu vermeiden), und zwar aus vielen Gründen. Hier nur ein paar in aller Kürze angerissen:

1. Ich formulier’s mal so: Welches Hobby will heute jemand ausüben, der umständehalber keine Hexen mehr jagen darf, nicht zur Stasi kann, nicht mal bei einer Zeitarbeitsfirma einen Blockwart-Job bekommt und dem es emotional nur beschränkte Befriedigung verschafft, seine Nachbarn dabei zu filmen, wenn sie ihren Müll nicht korrekt trennen? Wo werden da wohl die Sympathien der Öffentlichkeit liegen, na?

2. Bei Guttenberg funktionierte die Sache als Skandal. Skandale zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie Einzelfälle sind. Skandalisierung als Routine wird und kann nicht klappen. Ob etwas plagiiert ist oder nicht würde die Öffentlichkeit sehr bald überhaupt nicht mehr interessieren. (Literaturhinweis: Christian Schütze, Skandal. Eine Psychologie des Unerhörten.)

3. Würde man so eine Plattform installieren, könnte der “Dr.” bald als Sicherheitsrisiko gelten. Will jemand Karriere machen, dann doch besser ohne Titel? Stelle ich in naher Zukunft noch jemanden in führender Position, z.B. als Minister oder Manager ein, dann doch bitte ohne die Gefahr, dass dieser “enttarnt” oder kompromittiert wird und ein schlechtes Licht auf meinen Verein wirft. Akademischer Titel als Malus!?

4. Eine liberale Gesellschaft braucht eine Vertrauensbasis; wenn ich nicht an jeder Ecke eine Überwachungskamera will, für jeden Staatsdiener eine Überprüfung durch den Verfassungsschutz, jeden Polizisten mit Nacktscannern ausgerüstet etc. etc. muss ich auch gegen diese flächendeckenden Plag-Kontrollen sein, die dann sehr schnell auch unkontrolliert und von interessierten Gruppen betrieben würden: Hängst Du meinem was an, dann häng ich Deinem was an!

5.  Eine Hexenjagd auf Plagiatoren würde die ohnehin bestehende Intellektuellen-Feindlichkeit in unserer Gesellschaft gewaltig verstärken. M.E. ist es in dieser Hinsicht wirklich wichtig, dass möglichst viele Menschen promovieren (und so ein positives, identifikatorisches Verhältnis zum akademischen Betrieb aufbauen), die außerhalb der Wissenschaft im engeren Sinne tätig sind. Deren Doktorarbeiten sind vielleicht nicht immer Spitzenprodukte, müssen deshalb aber noch lange keine Plagiate sein und sollten auch nicht einem entsprechenden Generalverdacht ausgesetzt werden.

Fazit: Die pure Vorstellung der Verwandlung von anonymen Akademikern in eine Canettische “Hetzmeute” weckt in mir Ekelgefühle. Dass kein Missverständnis aufkommt: ein nachgewiesenes Plagiat ist für mich eine Betrugs-Aktion und auch so zu ahnden, aber darüber hinaus sollen Wissenschaftler produktive wissenschaftliche und pädagogische Arbeit leisten, keine polizeiliche, und schon gar nicht als Freizeitbeschäftigung. Dass Plagiate im normalen Betrieb durch die etablierten Verfahren und oft genug durch den Zufall entdeckt und geahndet werden , genügt völlig und ist der Sache angemessen.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,747785,00.html

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