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Provinz – Kompliment oder Schimpfwort?

14. Februar 2012 1 Kommentar

In einem Kommentar zu meinem letzten Blog-Beitrag wird das Nürnberger Staatstheater als „Provinztheater“ tituliert. Das klingt natürlich zunächst einigermaßen despektierlich, wirft aber sofort viele interessante Fragen auf:

a) Macht es angesichts der föderalen Struktur Deutschlands überhaupt Sinn, hierzulande den Provinz-Vorwurf zu erheben? Und ist „Provinz“ nicht immer ein relativer Begriff: Darf bzw. soll also beispielsweise der Bamberger den Kronacher, der Nürnberger den Bamberger, der Münchner den Nürnberger, der Berliner den Münchner, der New Yorker den Berliner, der Pekinese den New Yorker als „Provinzheini“ deklassieren?

b) Gibt es im globalen Dorf überhaupt noch den Unterschied von Provinz und Metropole oder diffundieren kulturelle Innovationen heutzutage in sekundenschnelle durch die gesamte interessierte Welt-Community, so dass kein Kultur-Standort mehr einen wirklichen metropolitanen Bonus besitzt?

c) Steht hinter der kulturellen Dialektik – beschränken wir uns hier einmal auf Theaterinszenierungen – von Provinz und Metropole wirklich ein Qualitätsgefälle des Angebots oder nur ein Image- und Preisgefälle bzw. ein Qualitätsgefälle im Publikum? (Meine eigenen Erfahrungen hinsichtlich dieser Frage sind ziemlich ambivalent; ich habe fürchterlich uninspirierte Inszenierungen in sog. Metropolen gesehen und sensationelle Stücke in tiefster Provinz, aber das Ganze natürlich und häufig auch umgekehrt!)

d) Schießt Geld auf längere Sicht nicht doch Tore? Oder konkret gefragt: Bringt ein gut finanziertes Haus im Durchschnitt doch die besseren Inszenierungen zustande? Und wo findet man solche Häuser? In hoch verschuldeten Metropolen oder fetten Provinzstädtchen?

e) Funktioniert das deutsche Theaterwesen nicht längst so wie der Einzelhandel, der in jeder Groß- und Kleinstadt mit den gleichen Läden die gleichen Klamotten anbietet? Als mobiler Theatergänger fällt mir seit Jahren die starke Tendenz auf, überall zur selben Zeit die gleichen Stücke aufzuführen. Die Inszenierungen mögen sich ja unterscheiden, aber man muss schon extrem theaterbegeistert sein, um den „Woyzeck“ heute in Bamberg, morgen in „Nürnberg“ und am Wochenende vielleicht noch einmal in München zu sehen. Ich erinnere nur an den „Gott des Gemetzels“, den praktisch jedes Haus und jeder zweite Fernsehsender zeigt.

Provinz ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Habe mich gestern – aber nur ganz kurz! – über das Statement eines Bewohners einer sehr kleinen Millionenstadt geärgert, in der mittelmäßig Fußball und zweitklassig Basketball gespielt wird, worin Bamberg (in deutlich erkennbar nicht  rühmender Absicht) als ,Provinzstadt’ (oder hieß es dort sogar ,–nest?’), und unsere Uni (in gleicher Intention) als ,Provinzuniversität’ tituliert wurde. Beim zweiten Bedenken der Sache scheint mir hier allerdings ein Anstoß für eine wissenschaftliche Reflexion der zugrunde liegenden Verhältnisse gegeben; beispielsweise könnte man im Rahmen einer sprach- und/oder kommunikationswissenschaftlichen, soziologischen, psychologischen, gerne auch diskurshistorisch-beleidigungswissenschaftlichen Reflexion die Frage untersuchen, ob es heute – im Zeitalter moderner Kommunikationsmedien und Transportmittel (NEIN, die DEUTSCHE BUNDESBAHN meine ich hier ganz explizit nicht!!!) – noch einen Provinz-Begriff wie vor 1995 oder gar vor 1960, gar nicht zu reden von vor 1860 geben kann.

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