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Artikel getaggt mit ‘Schimmelpfennig Roland’

„Die arabische Nacht“ von Roland Schimmelpfennig in Bamberg

Robert Schimmelpfennig ist einer der produktivsten und wichtigsten Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Das E.T.A. Hoffmann-Theater inszeniert derzeit im Studio eine Fassung seines Hörspiels von 2001 „Die arabische Nacht“. Schimmelpfennig in Bamberg – das ist schon mal grundsätzlich toll!

Warum hat man aber ausgerechnet ein Hörspiel fürs Theater ausgewählt? Das klingt nach Monologen und wenig Action … Ich gebe zu, grundsätzlich ein Problem mit Dramatisierungen von Texten zu haben, die ursprünglich für andere Gattungen oder Medien gedacht waren, also beispielsweise mit Dramatisierungen von Romanen, Filmen, Tagebüchern, Witzen, Todesanzeigen etc. (Diese Skepsis bringe ich auch Format-Wechseln ursprünglicher Dramen entgegen: „Othello“ als Computerspiel, „Penthesilea“ als Comic, „Der Zauberberg“ als Musical etc. Traut man der ästhetischen Qualität der Vorlage nicht über den Weg?) Dessen ungeachtet lasse ich mich am konkreten Fall gern eines Besseren belehren. Leider musste ich heute morgen erfahren, dass die nächsten Vorstellungen schon ausverkauft sind, Karten gibt’s erst wieder für die Aufführungen Anfang März.

Informationen und Bilder zum Stück und zur Inszenierung: http://theater-bamberg.de/index.phtml?La=1&sNavID=1681.81&object=tx|1828.511.1&kat=&kuo=1&sub=0

Roland Schimmelpfennigs “Der goldene Drache” in Nürnberg – sehr zu empfehlen!

Viele Szenen des Stückes spielen im China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“. Hier wird in der winzigen Küche zwischen zischenden Gaskochern einem jungen Chinesen ohne Aufenthaltsgenehmigung ein furchtbar schmerzender Schneidezahn mit einer Rohrzange gezogen. Und dieser Zahn gelangt auf dem Weg der Thai-Suppe, in der er aus Versehen landete, in den Mund einer Stewardess, Stammkundin im Schnellrestaurant, welches die Anwohner der Umgebung mit seinen asiatischen Schnellgerichten auch als Take-Away zu versorgen weiß. Über dem Restaurant liegen einige Wohnungen, deren Bewohner man nach und nach kennenlernt. Und dann erzählt jemand von der hungrigen Grille, die im Winter zum Opfer der geschäftstüchtigen Ameise wird. Die den ganzen dunklen Winter von den anderen Ameisen missbraucht wird, ohne zu merken, dass längst Frühling ist. Und schmerzhaft vertraut erscheint das Schicksal der kleinen Asiatin, die beim Verlassen ihres dunklen Zimmerchens dem betrunkenen Kumpel des Lebensmittelhändlers in die Arme läuft. Der doch nur mal ein bisschen von ihrer Fremdheit kosten wollte. Leider etwas unachtsam. So was Zartes geht halt schnell kaputt. Und als der junge Chinese nach der Rohrzangenoperation verblutet, wickelt man ihn in einen großen Drachenteppich und wirft ihn in den Fluss. Von dort schwimmt er endlich wieder nach Hause, nach China, leider tot und leider ohne die Schwester, die zu finden das erklärte Ziel seiner Reise war.

Roland Schimmelpfennig stellt die Verhältnisse im und um den Goldenen Drachen mit den ästhetischen Mitteln der Groteske dar, und zwar mit großem Tempo. Jedes Verhaltensmuster zeigt sich aus unterschiedlichen Perspektiven und erhält dabei jeweils andere Färbungen; die Männer sollen von den Frauen, die Frauen von den Männern, die Jungen von den Alten und die Alten von den Jungen gespielt werden. Diese Regieanweisung zielt in keiner Weise auf Klamauk, sondern auf eine tiefgreifende Verfremdung. Das Ergebnis ist poetisch, brutal, rätselhaft und von großer emotionaler Wucht.

Habe das Stück gestern am Staatstheater Nürnberg gesehen und kann es nur mit Nachdruck empfehlen: hervorragend inszeniert, hervorragend gespielt. Begleitmaterialien “für Lehrer”:

http://www.staatstheater-nuernberg.de/upload/up_1294061406DergoldeneDrache.pdf

Roland Schimmelpfennig wurde 1967 in Göttingen geboren. Er arbeitete zunächst als freier Journalist und Autor in Istanbul, bevor er 1990 ein Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München begann. Nach dem Abschluss wurde er Regieassistent und später Mitarbeiter der künstlerischen Leitung der Münchner Kammerspiele. Seit 1996 arbeitet er als freier Autor, zeitweise auch als Dramaturg an der Berliner Schaubühne. Im Juni 2010 wird er mit dem Dramatikerpreis der Mülheimer Theatertage, dem renommierten Forum deutschsprachiger Gegenwartsdramatik, ausgezeichnet.

Stücke der letzten Jahre:

Fisch um Fisch, UA: 8. Mai 1999, Staatstheater Mainz

Vor langer Zeit im Mai, UA: 13. März 2000, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin

MEZ, UA: 5. Mai 2000, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin

Die arabische Nacht, UA: 3. Februar 2001, Staatstheater Stuttgart

Push Up 1-3, UA 10. November 2001, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin

Vorher/Nachher, UA: 22. November 2002, Hamburg

Alice im Wunderland, UA: 31. Mai 2003, Schauspielhaus Hannover, 2006 „Schule des Theaters“ in Wien, 2008 Deutsches Theater Berlin (Regie: Roland Schimmelpfennig)

Die Frau von früher, Auftragsarbeit für das Burgtheater, UA: 12. September 2004, Wiener Akademietheater

Angebot und Nachfrage, UA: 4. November 2005, Schauspielhaus Bochum

Auf der Greifswalder Straße, UA: 27. Januar 2006, Deutsches Theater Berlin

Körperzeit, nach dem Roman The Body Artist von Don DeLillo, UA: 11. April 2007, Theater am Neumarkt Zürich

Ende und Anfang, UA: 6. Oktober 2006, Wiener Akademietheater

Besuch bei dem Vater, Schauspielhaus Bochum, Staatstheater Nürnberg in der Spielzeit 07/08

Das Reich der Tiere, UA: 1. September 2007, Deutsches Theater Berlin

Start Up, Auftragswerk für das German Theater Abroad (GTA), UA 12. Oktober 2007 New York City, 14. Oktober 2007 Nationaltheater Mannheim

Vorher/Nachher, Thalia Theater (Halle)

Calypso, UA: 28. Februar 2008, Schauspielhaus Hamburg

Hier und Jetzt, 25. April 2008, Schauspielhaus Zürich

Idomeneus, UA: 15. Juni 2008, Bayerisches Staatsschauspiel München (zur Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters)

Der Goldene Drache, UA: 5. September 2009, Wiener Akademietheater

Der Elfte Gesang, UA: 27. Februar 2010, Schauspielhaus Bochum

Das Weiße Album nach The Beatles, UA: 6. Februar 2010, Schauspiel Frankfurt

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes, UA: 19. November 2010, Deutsches Theater, Berlin

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