
Viele Szenen des Stückes spielen im China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“. Hier wird in der winzigen Küche zwischen zischenden Gaskochern einem jungen Chinesen ohne Aufenthaltsgenehmigung ein furchtbar schmerzender Schneidezahn mit einer Rohrzange gezogen. Und dieser Zahn gelangt auf dem Weg der Thai-Suppe, in der er aus Versehen landete, in den Mund einer Stewardess, Stammkundin im Schnellrestaurant, welches die Anwohner der Umgebung mit seinen asiatischen Schnellgerichten auch als Take-Away zu versorgen weiß. Über dem Restaurant liegen einige Wohnungen, deren Bewohner man nach und nach kennenlernt. Und dann erzählt jemand von der hungrigen Grille, die im Winter zum Opfer der geschäftstüchtigen Ameise wird. Die den ganzen dunklen Winter von den anderen Ameisen missbraucht wird, ohne zu merken, dass längst Frühling ist. Und schmerzhaft vertraut erscheint das Schicksal der kleinen Asiatin, die beim Verlassen ihres dunklen Zimmerchens dem betrunkenen Kumpel des Lebensmittelhändlers in die Arme läuft. Der doch nur mal ein bisschen von ihrer Fremdheit kosten wollte. Leider etwas unachtsam. So was Zartes geht halt schnell kaputt. Und als der junge Chinese nach der Rohrzangenoperation verblutet, wickelt man ihn in einen großen Drachenteppich und wirft ihn in den Fluss. Von dort schwimmt er endlich wieder nach Hause, nach China, leider tot und leider ohne die Schwester, die zu finden das erklärte Ziel seiner Reise war.
Roland Schimmelpfennig stellt die Verhältnisse im und um den Goldenen Drachen mit den ästhetischen Mitteln der Groteske dar, und zwar mit großem Tempo. Jedes Verhaltensmuster zeigt sich aus unterschiedlichen Perspektiven und erhält dabei jeweils andere Färbungen; die Männer sollen von den Frauen, die Frauen von den Männern, die Jungen von den Alten und die Alten von den Jungen gespielt werden. Diese Regieanweisung zielt in keiner Weise auf Klamauk, sondern auf eine tiefgreifende Verfremdung. Das Ergebnis ist poetisch, brutal, rätselhaft und von großer emotionaler Wucht.
Habe das Stück gestern am Staatstheater Nürnberg gesehen und kann es nur mit Nachdruck empfehlen: hervorragend inszeniert, hervorragend gespielt. Begleitmaterialien “für Lehrer”:
http://www.staatstheater-nuernberg.de/upload/up_1294061406DergoldeneDrache.pdf
Roland Schimmelpfennig wurde 1967 in Göttingen geboren. Er arbeitete zunächst als freier Journalist und Autor in Istanbul, bevor er 1990 ein Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München begann. Nach dem Abschluss wurde er Regieassistent und später Mitarbeiter der künstlerischen Leitung der Münchner Kammerspiele. Seit 1996 arbeitet er als freier Autor, zeitweise auch als Dramaturg an der Berliner Schaubühne. Im Juni 2010 wird er mit dem Dramatikerpreis der Mülheimer Theatertage, dem renommierten Forum deutschsprachiger Gegenwartsdramatik, ausgezeichnet.
Stücke der letzten Jahre:
Fisch um Fisch, UA: 8. Mai 1999, Staatstheater Mainz
Vor langer Zeit im Mai, UA: 13. März 2000, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
MEZ, UA: 5. Mai 2000, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Die arabische Nacht, UA: 3. Februar 2001, Staatstheater Stuttgart
Push Up 1-3, UA 10. November 2001, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Vorher/Nachher, UA: 22. November 2002, Hamburg
Alice im Wunderland, UA: 31. Mai 2003, Schauspielhaus Hannover, 2006 „Schule des Theaters“ in Wien, 2008 Deutsches Theater Berlin (Regie: Roland Schimmelpfennig)
Die Frau von früher, Auftragsarbeit für das Burgtheater, UA: 12. September 2004, Wiener Akademietheater
Angebot und Nachfrage, UA: 4. November 2005, Schauspielhaus Bochum
Auf der Greifswalder Straße, UA: 27. Januar 2006, Deutsches Theater Berlin
Körperzeit, nach dem Roman The Body Artist von Don DeLillo, UA: 11. April 2007, Theater am Neumarkt Zürich
Ende und Anfang, UA: 6. Oktober 2006, Wiener Akademietheater
Besuch bei dem Vater, Schauspielhaus Bochum, Staatstheater Nürnberg in der Spielzeit 07/08
Das Reich der Tiere, UA: 1. September 2007, Deutsches Theater Berlin
Start Up, Auftragswerk für das German Theater Abroad (GTA), UA 12. Oktober 2007 New York City, 14. Oktober 2007 Nationaltheater Mannheim
Vorher/Nachher, Thalia Theater (Halle)
Calypso, UA: 28. Februar 2008, Schauspielhaus Hamburg
Hier und Jetzt, 25. April 2008, Schauspielhaus Zürich
Idomeneus, UA: 15. Juni 2008, Bayerisches Staatsschauspiel München (zur Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters)
Der Goldene Drache, UA: 5. September 2009, Wiener Akademietheater
Der Elfte Gesang, UA: 27. Februar 2010, Schauspielhaus Bochum
Das Weiße Album nach The Beatles, UA: 6. Februar 2010, Schauspiel Frankfurt
Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes, UA: 19. November 2010, Deutsches Theater, Berlin
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