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Prüfungsphilosophie (2)

Breite und Tiefe

Bei jeder Prüfung – schriftlich wie mündlich – geht es darum, ,Breite’ und ,Tiefe’ zu demonstrieren. Die Impulsfragen des Prüfers sollten eine entsprechende Wissensdemonstration ermöglichen. ,Breite’ heißt in diesem Zusammenhang, einen gewissen Gegenstand (z.B. eine literarische Gattung) in den wesentlichen Zügen und engeren und weiteren kontextuellen Verknüpfungen kurz, klar und systematisch vorzustellen; ,Tiefe’ würde bedeuten, einzelne Aspekte exemplarisch genauer erläutern bzw. problematisieren zu können. In einem üblichen Prüfungsgespräch werden den Kandidaten z.B. zunächst Überblicks- und Kontextkenntnisse abverlangt, dann einzelne Stichworte seiner Antwort aufgegriffen und diese anhand konkreter Texte näher betrachtet. ,Breite’ kann auch heißen, dass zunächst ein größerer Text in seine Epoche oder das Gesamtwerk eines Autors eingeordnet werden soll, worauf hin – unter dem Gesichtspunkt der ,Tiefe’ – eine in der Forschung umstrittene Einschätzung einer Figur oder einer bestimmten Handlungsepisode näher betrachtet wird. – Tipp: Wenn Sie über eine bestimmte Epoche geprüft werden, müssen Sie davon ausgehen, dass unter dem Aspekt ,Breite’ auch kurz über die historisch benachbarten Epochen zu reden ist, da sich die Grundzüge der eigentlich thematisierten Epoche häufig kontrastiv aus dem historischen Kontext erklären lassen. Von einer sehr guten Prüfungsleistung erwarte ich auch einen Blick über den nationalsprachlichen bzw. literaturwissenschaftlichen Tellerrand; d.h. etwa, dass bei einer Prüfung über ;Aufklärung’, ein Kandidat eine gewisse Vorstellung vom geistigen Leben der Zeit in Frankreich und England hat; bei einer Prüfung über ,expressionistische Literatur’ liegt es nahe, auch einmal den Bereich expressionistischer Kunst zu streifen.

Gut vorbereiten: ja! Auswendig lernen: eher nicht!

Selbstverständlich sollten Prüfungen sehr ernst genommen und bestens vorbereitet werden. Klausuren und mündliche Prüfungssituationen sollte man im Vorfeld auch durchaus üben, um ein Gefühl für die Situation sowie die Länge der Zeit zu bekommen und sich einige Formulierungen, Fachtermini und Darstellungsstrategien anzutrainieren. Gefährlich ist es aber, für angenommene Aufgaben geschlossene Abhandlungen vorzubereiten und diese auswendig zu lernen. Diese gar nicht so selten angewandte Strategie verhindert oft ein Eingehen auf die dann tatsächlich gestellten Prüfungsaufgaben bzw. –fragen; die Kandidaten spulen nur ihr vorbereitetes Programm ab, ignorieren wichtige Aspekte der Fragestellung und vermitteln insgesamt den Eindruck von Automaten, die nicht selbständig denken können.

Selbständiges Denke: ja, unbedingt! (Aber nicht aus dem hohlen Bauch heraus …)

Sie haben vermutlich (hoffentlich!) im Verlauf Ihres Studiums gelernt, dass selbständiges Denken erwünscht ist und honoriert wird. Bitte machen Sie sich aber auch klar, dass diese Denkbewegung in Kenntnis der literarischen Texte, relevanter kontextueller Faktoren und der einschlägigen Forschungsdiskussion erfolgen muss, um nicht zum substanzarmen Schwadronieren zu verkommen.

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