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Prüfungsphilosophie (3)

2. Juni 2010

Muss ich meine KommilitonInnen bei Prüfungen als Konkurrenz fürchten?

Nein, nein, nein! Die oft gehörte Vermutung, dass eine sehr gute Prüfungsleistung die Bewertung der zeitlich benachbarten Leistungen ,drücken’ würde (und umgekehrt), trifft nicht zu. Schon der Umstand, dass häufig einige sehr gute (oder auch weniger gute) Noten hintereinander vergeben werden, spricht dagegen. Meine Vorstellungen davon, welche Leistung mit welcher Note zu bewerten sind, haben sich über relativ lange Zeiträume herausgebildet und verändern sich entsprechend behutsam; da spielt die kurzfristige Abfolge bestimmter Eindrücke keine Rolle. Auch ein wirklich überragende Prüfungsleistung kann diese langfristig gewachsenen Relationen nicht kurzfristig verändern. Konkretes Beispiel: Wenn jemand nach einer überragenden Leistung (die man in der Relation zu anderen Prüfungen eigentlich mit „-3“ bewerten müsste) das bringt, was im langjährigen Schnitt mit „sehr gut“ bewertet wird, wird er/sie die Bestnote selbstverständlich auch in diesem Kontext erhalten. Ähnliches gilt auch für die Bewertung von Leistungen in Seminaren. Speziell dort sind hervorragende KommilitonInnen keine Bedrohung, sondern ein Segen!

Fazit: Kommilitonen sollten während des Studiums und im Prüfungsverfahren als Mitstreiter, interessante Kommunikationspartner, von denen man vieles lernen kann, als potentielle Ratgeber usw., also grundsätzlich positiv wahrgenommen, nicht aber als Konkurrenten gefürchtet werden. (Mehr noch: Sie sollten überhaupt NIE irgend jemanden fürchten! Leute, die Angst haben, werden krank oder biestig oder beides …)

Lernen im Team

Nichts spricht dagegen, Prüfungen im Team vorzubereiten. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn einmal zwei oder drei Studierende hintereinander mit den gleichen Themen ihre Prüfungen bestreiten. Allerdings sehe ich den Nutzen solcher Lernteams weniger in der Aufteilung der anfallenden Arbeit, als in der arbeitsteiligen Quellenbeschaffung, in der gemeinsamen Diskussion über die Prüfungsgegenstände, im Abbau von Unsicherheiten (man erfährt: „die anderen kochen auch nur mit Wasser“), in der Möglichkeit, Prüfungsverläufe durch Frage-und-Antwort-Spiele zu simulieren. (Allerdings besteht auch die Gefahr, dass man sich gegenseitig nervös macht und in immer extremere Lernexzesse hineintreibt: „Hast Du das und das schon gelesen ….?“) – Die Aufteilung der Erarbeitung von Wissen sehe ich eher problematisch: Nur das Wissen, das man selber erarbeitet hat, ist auch sicherer Besitz! – In diesem Zusammenhang will ich abschließend auch noch um Verständnis dafür werben, dass Angehörige solcher Arbeitsteams oft mit unterschiedlichen Noten aus den (schriftlichen wie mündlichen) Prüfungen hervorgehen, obwohl sie doch angeblich mit dem gleichen Wissen ausgestattet waren. Dies ist weder ein Indiz für ungerechte Benotungen noch Grund für das Ende von Freundschaften (weil der eine oder andere während der Vorbereitung ,gemauert’ und Wissen vor den anderen zurückgehalten hätte), sondern liegt schlicht daran, dass die Studierenden über ganz unterschiedliche Fähigkeiten verfügen, ihr Wissen zu organisieren und zu kommunizieren. Prüfungsleistungen spiegeln ja nicht nur die Kenntnisse und Kompetenzen, die man sich in der unmittelbaren Vorbereitungsphase angelernt hat, sondern gewachsene Persönlichkeiten und den Ertrag einer mehrjährigen Studienzeit.

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