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Plagiatejagd als Hobby? Eine eher nicht so gute (ursprünglich stand hier „bescheuerte“) Idee!

(Dieser Vorspann in Klammern als Reaktion auf einen kritischen Kommentar, der mir vorhin – Ende Juni 2011 – vor Augen gekommen ist und diesem Beitrag anhängt: Ein Blog lebt von relativ spontan,  pointiert und nicht selten auch „unausgewogen“ formulierten Positionen. Das darf wohl so sein und gilt natürlich auch grundsätzlich für die Erwiderungen auf bestimmte Artikel. Mein Blog zieht nicht allzu viele Kommentare auf sich und in der Regel lasse ich diese dann auch einfach unkommentiert stehen. Von dieser Praxis abweichend, habe ich heute, nach Lektüre des erhaltenen Kommentars, aber auch nach einigen Wochen zwischenzeitlicher Erfahrung mit dem Plagiatsdiskurs in Universität und Öffentlichkeit, die Überschrift meines ursprünglichen Beitrags korrigiert, um einer inhaltlich konträren Position Respekt zu zollen. Wie man sieht, lasse ich meine alten Argumente stehen, räume aber hier vorab gerne ein, dass die verhandelte Problematik durchaus eine dialektische Betrachtung verdient. Es ist in der Tat bitter, miterleben zu müssen, wenn Plagiatoren ungestraft gute Bewertungen, Stipendien und berufliche Positionen einfahren, die ehrlichen Arbeitern gleichzeitig versagt bleiben. Ich versichere, dass ich den Kampf gegen derartige Betrugsversuche in meinem Amt durchaus führe, und zwar um so intensiver, um je mehr es jeweils geht. Dessen ungeachtet würde ich meinen Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern abraten (vom „Verbieten“ kann natürlich in diesem Zusammenhang keine Rede sein!), ihre Kommilitonen, Kollegen (und Konkurenten) oder auch irgendwelche prominente Titelträger zu überprüfen; jedenfalls nicht außerhalb ihrer normalen Rezensions- oder Kommissionstätigkeiten. Ich glaube nicht,  dass die große Gewinn- und Verlustrechnung – für die Gesellschaft wie auch den seelischen Haushalt des einzelnen Plagiate-Sheriffs – auf diese Weise letztlich günstiger zu gestalten ist, dass so „die Welt“ besser gemacht werden kann. Nun folgt der ursprüngliche Artikel:)

Lese gerade, dass einige Leute bei Guttenberg auf den Geschmack gekommen sind und nun die Doktorarbeiten aller möglichen Promis auf Plagiate hin überprüfen wollen. Ich finde diese Idee selten dämlich (um stärkere Ausdrücke zu vermeiden), und zwar aus vielen Gründen. Hier nur ein paar in aller Kürze angerissen:

1. Ich formulier’s mal so: Welches Hobby will heute jemand ausüben, der umständehalber keine Hexen mehr jagen darf, nicht zur Stasi kann, nicht mal bei einer Zeitarbeitsfirma einen Blockwart-Job bekommt und dem es emotional nur beschränkte Befriedigung verschafft, seine Nachbarn dabei zu filmen, wenn sie ihren Müll nicht korrekt trennen? Wo werden da wohl die Sympathien der Öffentlichkeit liegen, na?

2. Bei Guttenberg funktionierte die Sache als Skandal. Skandale zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie Einzelfälle sind. Skandalisierung als Routine wird und kann nicht klappen. Ob etwas plagiiert ist oder nicht würde die Öffentlichkeit sehr bald überhaupt nicht mehr interessieren. (Literaturhinweis: Christian Schütze, Skandal. Eine Psychologie des Unerhörten.)

3. Würde man so eine Plattform installieren, könnte der „Dr.“ bald als Sicherheitsrisiko gelten. Will jemand Karriere machen, dann doch besser ohne Titel? Stelle ich in naher Zukunft noch jemanden in führender Position, z.B. als Minister oder Manager ein, dann doch bitte ohne die Gefahr, dass dieser „enttarnt“ oder kompromittiert wird und ein schlechtes Licht auf meinen Verein wirft. Akademischer Titel als Malus!?

4. Eine liberale Gesellschaft braucht eine Vertrauensbasis; wenn ich nicht an jeder Ecke eine Überwachungskamera will, für jeden Staatsdiener eine Überprüfung durch den Verfassungsschutz, jeden Polizisten mit Nacktscannern ausgerüstet etc. etc. muss ich auch gegen diese flächendeckenden Plag-Kontrollen sein, die dann sehr schnell auch unkontrolliert und von interessierten Gruppen betrieben würden: Hängst Du meinem was an, dann häng ich Deinem was an!

5.  Eine Hexenjagd auf Plagiatoren würde die ohnehin bestehende Intellektuellen-Feindlichkeit in unserer Gesellschaft gewaltig verstärken. M.E. ist es in dieser Hinsicht wirklich wichtig, dass möglichst viele Menschen promovieren (und so ein positives, identifikatorisches Verhältnis zum akademischen Betrieb aufbauen), die außerhalb der Wissenschaft im engeren Sinne tätig sind. Deren Doktorarbeiten sind vielleicht nicht immer Spitzenprodukte, müssen deshalb aber noch lange keine Plagiate sein und sollten auch nicht einem entsprechenden Generalverdacht ausgesetzt werden.

Fazit: Die pure Vorstellung der Verwandlung von anonymen Akademikern in eine Canettische „Hetzmeute“ weckt in mir Ekelgefühle. Dass kein Missverständnis aufkommt: ein nachgewiesenes Plagiat ist für mich eine Betrugs-Aktion und auch so zu ahnden, aber darüber hinaus sollen Wissenschaftler produktive wissenschaftliche und pädagogische Arbeit leisten, keine polizeiliche, und schon gar nicht als Freizeitbeschäftigung. Dass Plagiate im normalen Betrieb durch die etablierten Verfahren und oft genug durch den Zufall entdeckt und geahndet werden , genügt völlig und ist der Sache angemessen.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,747785,00.html

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  1. 27. Juni 2011 um 13:27

    Zunächst einmal (ernstgemeinten) Respekt einen so gedankenlosen Beitrag ins Netz zu stellen.

    „Wo werden da wohl die Sympathien der Öffentlichkeit liegen, na?“

    Ich verspreche Ihnen: Die Sympathie für Politessen liegt tief darunter. Trotzdem ärgert sich jeder über vollgeparkte Innenstädte. Und überhaupt: Klasse Vergleich von Betrügern, die sich dem eigenen Verständnis nach auch mit jeglicher Konsequenz als solche verstehen würden, und der Verfolgung von als solchen geframeten „Hexen“. So lernen die Bamberger Student_innen schnell den Weg vom Hörsaal ins Redaktionszimmer der BILD.

    „Bei Guttenberg funktionierte die Sache als Skandal. Skandale zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie Einzelfälle sind.“

    Genauso wie Fukushima… war auch kein Skandal mehr, gell?

    „Skandalisierung als Routine wird und kann nicht klappen. Ob etwas plagiiert ist oder nicht würde die Öffentlichkeit sehr bald überhaupt nicht mehr interessieren.“

    Man schließt halt leicht von sich auf andere: Nicht allen Menschen geht es darum sich möglichst öffentlichkeitswirksam zu verkaufen – manchen geht es auch einfach nur darum, Genugtuung dadurch zu erlangen, dass andere sich ihre 3, 4, 5 Jahre harte wissenschaftliche Arbeit eben doch nicht erschleichen können.

    „Würde man so eine Plattform installieren, könnte der „Dr.“ bald als Sicherheitsrisiko gelten. Will jemand Karriere machen, dann doch besser ohne Titel? (…) Akademischer Titel als Malus!?“

    Dr. „könnte“ nicht ein Risiko sein, er IST es bereits (zurecht) und Ihr Vorschlag lautet „Jo mei, dann machen wir halt die Augen zu und stellen uns vor, dass alles in bester Ordnung ist.“ Wo kann man sich nochmal auf Ihre Professur bewerben?

    „M.E. ist es in dieser Hinsicht wirklich wichtig, dass möglichst viele Menschen promovieren “

    Genau, Quantität vor Qualität. Wen interessieren schon die Leistungen, wenn potenziell jeder Dr. werden kann? Intellektuellenfeindlichkeit erwächst durch erschlichene Leistungen, nicht durch diejenigen, die herausfinden, dass sie erschlichen wurden. Und sollte sich herausstellen, dass jede_r Zweite plagiiert, dann herrscht die Feindlichkeit zurecht und nicht die „Gesellschaft“ muss sich ändern, sondern die Wissenschaft, mein lieber Herr Gesangsverein.

    „Dass kein Missverständnis aufkommt: ein nachgewiesenes Plagiat ist für mich eine Betrugs-Aktion und auch so zu ahnden, aber darüber hinaus sollen Wissenschaftler produktive wissenschaftliche und pädagogische Arbeit leisten, keine polizeiliche, und schon gar nicht als Freizeitbeschäftigung.“

    Auch wenn es Ihnen nicht gefallen wird: In der heutigen Zeit läuft es so, dass die Menschen weitgehend frei entscheiden, mit was sie ihre Freizeit verbringen. Und wenn ein Mensch sich dazu entscheidet lieber in den quälend langweiligen Arbeiten irgendwelcher Wannabe-Wissenschaftler_innen seinen detektivischen Ambitionen nachzugehen, dann muss sich diese Person dankenswerterweise nicht von einem dahergelaufenen Bamberger erzählen lassen, dass sie doch lieber Wildorchideen knipsen sollten.

    Danke, dass Sie mich mit Ihrem Beitrag ermutigt haben meine Habilitation zu verfolgen. Scheinbar kann in Deutschland ein jeder Professor werden.

  2. 29. Juni 2011 um 09:44

    „Ein Blog lebt von relativ spontan, pointiert und nicht selten auch „unausgewogen“ formulierten Positionen.“

    Gleiches gilt für die Kommentare. Besten Dank für das „Vorwort“.

    Ich verstehe nach wie vor nicht, weswegen man Menschen davon abraten sollte Plagiator_innen nachzugehen. Sicher, die manische Suche nach den Schwachstellen von Gegner_innen KANN niederen Zwecken dienen, aber es geht bei Plattformen wie Guttenplag um mehr, von daher ist der (nunmehr) Ratschlag ein eher seltsamer. Ein großer Teil der Beteiligten sind engagierte Doktorand_innen, die es nicht einsehen, dass der akademische Titel durch die Praktiken (insbesondere von Menschen, die ihre Zukunft NICHT in der Wissenschaft suchen) verhunzt und denunziert wird. Wenn ich mich einen nicht unerheblichen Teil meines Lebens einer nicht unerheblich intensiven Forschung nachgehe und dann das Nachsehen habe weil a) meine Chancen durch erschlichene summa cum laude reduziert werden und b) mein Ansehen durch Blender_innen gemindert wird, dann ist es wesentlich mehr als Gehässigkeit sich Betrügern und Betrügerinnen in der Freizeit zu widmen. Und es ist doch fraglich bis lachhaft auf die eigenständige Qualitätskontrolle der Universitäten zu setzen: Wir alle wissen, dass die oberflächliche Handhabung nicht nur bei Guttenberg oder Koch-Mehrin üblich ist, sondern sich kaum ein_e Prof. die Zeit für tiefgehende Recherchen nimmt/nehmen kann. Wir alle, das heißt: auch derzeitige/zukünftige Doktorand_innen. Wer nicht gänzlich auf dem Schlauch steht und wem die wissenschaftliche Karriere nicht am Herzen liegt, kann sich daher die Arbeit in der Tat sehr leicht erschleichen. Glauben Sie tatsächlich, dass ein „Augen zu und hoffen, dass es besser wird“ da irgendetwas dran ändern wird? Die Frage ist inwiefern wir bereit sind uns den Realitäten zu stellen, die wir vorher nicht erkennen konnten, weil das Betrügen einfacher war, schwerer nachzuprüfen. Es geht nicht um den Schutz des Rufes der Wissenschaft, es geht um dessen Verteidigung (oder aber Transformation), und das geht nur durch schonungslose Aufdeckung.

    Davon einmal abgesehen: Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie in Ihrer Tätigkeit als Professor plagiiert oder das Urheberrecht anderweitig verletzt? Vielleicht sollte man darüber einmal diskutieren (also nicht über den Einzelfall, sondenr über das Gesamtphänomen), denn bei aller Qualitätssicherung, die nun versucht wird zu betreiben, fallen die durchaus (und nicht nur unter Student_innen) etablierten Praktiken der Urheberrechtsverletzungen in der Wissenschaft unter den Tisch. Das fängt bei Projektanträgen und Protokollen an, die von wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen vorbereitet und Profesor_innen eingereicht werden (oft nicht einmal mit dem zynischen „unter freundlicher Mitarbeit von…“), zieht sich über Protokolle und Skizzen für Beiträge in Sammelbänden bis hin zum Abschreiben oder – noch schlimmer – Umformulieren von Ideen.
    Die Wissenschaft hat ironischerweise eine Sache dringender nötig als alles andere: mehr Sachlichkeit.

  3. 1. Juli 2011 um 16:54

    O.k., gerne mal „Hand aufs Herz“! Ich denke, dass meine eigene Position in der Plagiatsdebatte relativ komfortabel ist: Meine Diss. war das erste Buch, das sich mit einem damals neu verfassten und von den Rezensenten nicht verstandenen Roman eines relativ wenig bearbeiteten Autors intensiv beschäftigt hat, da gab’s einfach vom Projekt her keine Chancen zu plagiieren. Ähnlich gelagert war der Fall bei meiner Habil, einer Theorie der Legende, die es darauf anlegte, diese Gattung grundsätzlich anders zu verstehen, als es im Fachdiskurs bis dahin üblich war. Das fing beispielsweise schon mit einer neuen Gegenstandsauffassung an, indem ich u.a. Texte von Aborigines, altägyptische Tempelreliefs, Politikerbiographien und bestimmte Sportpresse-Artikel als Legenden analysierte und den klassischen Bereich mittelalterlicher Hagiographie, auf dem sich die traditionelle Legendenforschung getummelt hatte, weitgehend aussparte. Außerdem richtete sich mein Ehrgeiz darauf, eine grundsätzlich neue Methode für Gattungstheorien zu entwickeln und exemplarisch vorzuführen. Ich weiß nicht, ob Sie Literaturwissenschaftlerin sind; als solche würden Sie abschätzen können, dass die skizzierte Vorgehensweise einigermaßen „abgefahren“ und so schnell nicht unter Plagiatsverdacht zu stellen ist. Auch ein dritter Punkt, den Sie andeuten, kann mich nicht treffen, nämlich die unter KollegInnen angeblich (bei meinem Doktor- und Habilvater gab es dergleichen nie!) verbreitete Praxis der Ausbeutung von Einfällen und Arbeitsleistungen der MitarbeiterInnen. Warum nicht? Weil ich als Wissenschaftler-Typus relativ schnell und kreativ im ,Auswerfen’ von Ideen und Projekten bin, gleichzeitig aber ziemlich faul bei der Realisierung dieser Dinge. Also finde ich das umgekehrte Verfahren wesentlich lustvoller, nämlich meine soziale Umgebung mit Forschungsideen und Projektskizzen zu bombardieren, die von dieser dann in mühevoller Detail- und Formulierungsarbeit zu Diplom-, Master- oder Abschlussarbeiten, Dissertationen, Habilitationen etc. weiterzuverarbeiten wären. (Leider tut mir diese Umgebung nur allzu selten den Gefallen und zieht es vor, eigene Projekte zu konzipieren … Pech!) Soweit sieht die Geschichte also ganz erfreulich aus.

    Nun aber zum Glashaus-Aspekt der Debatte, der uns mehr oder minder alle betrifft und in gewisser Weise milde stimmen sollte. Im Laufe der Jahre kommt nun selbst bei einem Wissenschaftler mit gebremstem Publikationsdrang wie mir eine längere Liste unterschiedlicher Forschungsarbeiten zusammen, die neben den Qualifikationsschriften und Editionen vieles andere umfasst, darunter Aufsätze in renommierten Fachzeitschriften wie kleinere Gelegenheitsarbeiten, ,große’ Vorträge, aber auch solche, die man in der Bewerbungsphase nicht glaubte ablehnen zu dürfen bzw. die einem in späteren Zeiten von netten Kollegen abgerungen wurden. Einige dieser Vorträge mussten sehr schnell geschrieben werden, einige waren an ein Laienpublikum adressiert, viele hielt man frei, formulierte dabei unterhaltsam-amüsant ohne Ambition auf eine spätere Publikation des Gesagten, die man dann aber den Veranstaltern zu Liebe, die unbedingt eine Broschüre machen wollten, später doch erlaubte. Dazu kommen Essays, Rezensionen, Lexikonartikel und weiteres Material, das teilweise rigiden redaktionellen Richtlinien und Beschränkungen unterworfen ist, die es nicht zulassen, jede mögliche Quelle einer Information anzugeben. Dass in meinem inzwischen relativ großen und sehr disparaten Publikationskorpus keine seitenlangen Kopien anderer Autoren im Stile der aktuellen prominenten Plagiatsfälle stecken, kann ich sehr wohl garantieren, aber nicht, dass Sie dort keine sog. „Selbstplagiate“ finden würden (auf die ich gleichwohl meistens hinweise) und auch nicht, dass ein maschineller Textabgleich nicht hie und dort Ideen, Formulierungen oder Quellenhinweise identifizieren könnte, die so ähnlich auch woanders zu finden sind, ohne dass mein Text darauf hinweist.

    Wie das? Ist also doch Plagiat-Alarm angesagt? – Scheint auf den ersten Blick vielleicht so, ist aber trotzdem nicht der Fall, und zwar aus folgenden Gründen: Kleinere Übereinstimmungen der beschriebenen Art werden sich heutzutage auf den meisten stark beackerten Wissenschaftsfeldern durch die schiere Menge des Publizierten ergeben, ferner auch durch ein Phänomen, das ich „Diskurs-Gesumse“ nennen möchte. Als vollzeitbeschäftigter Uniprofessor einer Geisteswissenschaft sind Sie permanent mit Seminardiskussionen, Korrekturarbeiten, täglicher Zeitungslektüre, Fachvorträgen, Kolloquien, Prüfungen, Fernseh-Talkrunden etc. etc. befasst. Da bohrt sich Ihnen heute irgendwo eine schicke Formulierung ins Ohr, morgen ein Argument, übermorgen ein entlegener Aspekt. Nächste Woche lassen sie diese Dinge schon in Ihre Vorlesung einfließen, einen Monat später verwenden sie die Formulierung oder das Argument in einem Gutachten oder Beratungsgespräch. Ein halbes Jahr später fließt der Satz in eine Publikation ein, wobei sie voll überzeugt davon sind, ureigene Gedanken bzw. Formulierungen niederzuschreiben. Dann weist Ihnen aber eine Suchmaschine nach, dass dieser kluge Satz tatsächlich schon irgendwo gedruckt zu finden ist, höchst wahrscheinlich in einer Quelle, die Sie nie gesehen haben. Unreflektierte Übertragungsprozesse dieser Art laufen m.E. in Geistes- und Kulturwissenschaften permanent ab. Theoretisch wären sie vielleicht vermeidbar, wenn man seinen eigenen Publikationsausstoß grundsätzlich vorab selber maschinell überprüfen würde, was freilich lästig wäre, Zeit kostete und die Grundproblematik evtl. sogar verschärfen würde: Würde sich solche Übung durchsetzen, würden sich ehrliche Wissenschaftler anstrengen, die monierten Stellen durch Umformulierung unverdächtig zu machen, weniger ehrliche würden die Spuren ihrer Betrügereien verwischen – gesamtgesellschaftlich wäre dabei wenig gewonnen. An solche Dinge hätte ich vor der Guttenberg-Geschichte nie gedacht, und – ehrlich gesagt – verspüre ich auch heute noch keine besondere Lust dazu. Es wäre für mich eine bürokratische Horrorvision, meinen freien Assoziations- Gedankenfluss beim Lehren und Publizieren permanent maschinell kontrollieren zu sollen. Sollte man mich je darauf verpflichten, würde ich es wahrscheinlich vorziehen, das Publizieren generell einstellen.

    Bislang habe ich noch gar nichts zu dem hochkomplizierten Feld der sog. „Selbst-Plagiate“ gesagt, das ebenfalls von krassen Betrugsversuchen bis zu im Grunde wünschenswerten Erscheinungsformen der Entwicklung von Forschungsansätzen reicht und das mit der derzeitigen Debatte auch zu einem größeren Problemfeld geworden ist, weniger für Professoren als für Studenten, Doktoranden und Habilitanden. Alles in allem würde ich behaupten, dass man fast jeden Literaturwissenschaftler beim „Plagiieren“ (im angesprochenen weiten Sinne der aufgeschlossenen Teilhabe an allgemein-öffentlichen interdisziplinären und innerfachlichen Diskursen, sog. Selbstplagiate mitgedacht, „erwischen“ könnte, wenn man sich nur hinreichend Mühe machte.

    Dass ich mit dieser Feststellung krassen Betrug und die beschriebenen Formen der Übernahme von Diskurs-Fragmenten nicht gleichsetzen will, sollte sich aus dem Kontext des Gesagten, aber auch meiner anderen Blog-Einträge zum Thema verstehen! Ich befürchte allerdings, dass genau diese Nivellierung betrügerischer und fast unvermeidbarer ,Plagiate’ eintreten könnte, wenn entsprechenden Erscheinungen nicht von Fachrezensenten und universitären Gremien (z.B. Berufungskommissionen oder Kollegen während der öffentlichen Auslagefristen von Dissertationen und Promotionsgutachten) in geregelten Verfahren geprüft und verfolgt werden, sondern von einer sich selbst dazu berufenden Öffentlichkeit, die zwangsläufig aus ganz verschieden motivierten und qualifizierten Personen besteht und deren Praxis sich fallweise durchaus fair-verantwortlich, fallweise aber auch ganz anders, nämlich denunziatorisch darstellen kann.

    Der Beitrag wird langsam unerfreulich lang, obwohl ich immer noch das Gefühl habe nur einige wenige Aspekte der Sache – und diese reichlich oberflächlich – zu berühren. Somit nur noch ganz kurz drei, vier Sätze zur vorgeblich mangelnden Selbstreinigungskraft des Wissenschaftsbetriebs. Natürlich deckt das System nur einen Bruchteil der Fälle auf, wobei es vielleicht ein wenig tröstlich ist, das die meisten Fälle „unten“, bei den „Kleinen“ durchrutschen (abgekupferte oder doppelt eingereichte Hausarbeiten), die wenigsten ganz „oben“ bei Habilitationen und Berufungsverfahren. Damit ist die Situation bei den Plagiaten aber doch nicht grundsätzlich anders als bei anderen kriminellen Delikten: Man findet nicht alle Fahrraddiebe, Autobahnraser, ja nicht einmal alle Mörder. Dennoch hätte ich kein gutes Gefühl dabei, mich mit anderen Bürgern zur Verfolgung einschlägiger Übeltäter zusammenzuschließen: etwa Patrouillienfahrten auf Autobahnen durchzuführen, um Drängler mit Videobeweisen zu entlarven, oder in einer Charles-Bronson-Gruppe („Ein Mann sieht rot“, 1974, Regie Michael Winner,) Jagd auf Schläger in städtischen Problemzonen zu machen. Bestimmt ist es in solchen Fällen besser, eine Reihe von Sündern durchkommen zu lassen, als die Bürger zu Polizisten zu machen, die sich ihre Einsatzregeln selber zimmern.

    PS. Als ich den Bronson-Film seinerzeit im Kino sah, war ich ganz auf Seiten des Protagonisten; der Film tut ja auch alles dafür, den Zuschauern die Perspektive des Rächers aufzunötigen. So gehörten meine Sympathien anfangs durchaus auch „Guttenplag“; aber ich hätte solche Institutionen nicht gerne als Dauereinrichtungen, wie ich auch Rächern à la Bronson nicht gerne permanent im Bus, Hörsaal oder auf nächtlichen Straßen begegnen würde, obwohl ich wissentlich keinen Mord begangen habe …

    PS II: Kritiken zu „Ein Mann sieht rot“ nach http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Mann_sieht_rot
    • „Ein zynischer Film, der suggestiv und kalkuliert alle Mittel einsetzt, um Selbstjustiz zu rechtfertigen.“ – „Lexikon des internationalen Films“ (CD-ROM-Ausgabe), Systhema, München 1997
    • Michael Winners versiert inszenierter Thriller traf 1974 den Nerv vieler Bürger eines Landes, in dem das Grundrecht auf Waffenbesitz zäh verteidigt und von zahllosen Irren auch gern wahrgenommen wird. Auf seiner Erfolgswelle schwammen diverse Actionfilme über rotsehende Väter, Mütter, Frauen, Richter etc. Kritiker verrissen „Ein Mann sieht rot“ als Verherrlichung der Selbstjustiz, doch anders als die meisten seiner Nachfolger zeigt er wenigstens die gefährliche Dynamik, der sein Held erliegt: Aus der Suche nach den Tätern wird ein aggressiver Feldzug gegen alles, was irgendwie kriminell aussieht. Ufo-Jäger Jeff Goldblum („Independence Day“) gab hier sein Filmdebüt als einer der drei Vergewaltiger. Fazit: Spannend gemacht, mit zwiespältiger Botschaft – „Cinema“
    • Charles Bronsons Rachefeldzug Ein Mann sieht rot zählt sicherlich zu Recht zu den großen Klassikern des Rache-Thriller-Genres. Auch wenn Michael Winners Film moralisch fragwürdig ist und die Antwort auf die schwierige Frage nach der Rechtfertigung von Selbstjustiz zu einfach ausfällt, ist Ein Mann sieht rot dennoch ein durchgehend empfehlenswerter Film. Dies verdankt er vor allem seiner nachvollziehbaren Charakterentwicklung und einem charismatisch abgeklärten Bronson. – MovieMaze.de

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