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Lichtverschmutzung (2): Sylvester, Kunst und Dreck

Angeregt durch die fleißigen Kommentare zu meinem Artikel vom Neujahrtag nachfolgend ein paar Thesen zum Verhältnis von Feuerwerk und Skybeamer bzw. Kunst und Dreck.

a) Vorbemerkung: Ich habe ein ausgesprochen positives Verhältnis zu Feuerwerken im Allgemeinen und zum Sylvesterfeuerwerk im Speziellen, obwohl ich in letzter Zeit dazu nicht mehr aktiv beitrage. (Das ist eine – wie mir sehr bewusst ist  – problematische, in früher Kindheit erworbene Disposition, die vielen Tierbesitzern, Verbrennungsopfern und Feuerwehrleuten zu Recht nicht sympathisch sein wird, die ich auch nicht rational rechtfertigen kann, sondern hier einfach mal offen lege, um Missverständnissen der weiteren Argumentation vorzubeugen.) Feuerwerke wurden in früheren historischen Epochen als Kunstformen praktiziert und gelten auch heute noch anderenorts als solche. Ich selber tendiere sehr stark dazu, Feuerwerk als Kunstform wahrzunehmen, wobei es natürlich – wie bei Musik, Literatur, Malerei, Architektur oder Gartengestaltung – immer gelungene und misslungene, gute und schlechte Erscheinungsformen dieser Kunst geben kann.

b) These: Wenn ein Kommentar zu meinem Neujahrsartikel meint, in der Sylvesternacht mache das Feuerwerk soviel Dreck, dass es lächerlich sei, den Einsatz von Skybeamern zu kritisieren (die doch keinen „Dreck“ machten), zeigt sich darin m.E. ein sehr oberflächliches Verständnis der Situation, die ich pointiert vielleicht so charakterisieren möchte: Feuerwerk macht Dreck, Skybeamergefunzel ist Dreck.

c) Erläuterung: Dass ein Sylvesterfeuerwerk ordentlich Dreck macht, ist unstrittig: man kann diesen Dreck in der Sylvesternacht riechen und am Neujahrsmorgen auch überall auf den Straßen und in den Vorgärten sehen. Aber man („man“ sind hier jene vielen Leute, die ihn produzieren oder am Feuerwerk zumindest Gefallen haben) nimmt diesen Dreck als Begleiterscheinung einer als „schön“ empfundenen Sache billigend in Kauf; und dies umso leichter, als bekanntlich nur einmal im Jahr Sylvester ist und sich das laute bunte Spektakel im Kern auf eine halbe oder dreiviertel Stunde einschränkt. Dass ein Feuerwerk viele (wenngleich sicherlich nicht alle) Menschen in seinen Bann zieht, hat mit den komplexen und spektakulären sinnlichen Erfahrungen zu tun, die es uns bietet. Mit seinen Überraschungsmomenten. Mit seiner Vielfältigkeit. Mit seinen kleinen und großen Strukturen. Mit der Möglichkeit, seinen Erscheinungsformen auf unzählige Arten SINN zuzuschreiben. Dafür hier nur ein Beispiel: Ein Lichtpunkt steigt auf, entfaltet sich zu einer prächtigen Blüte, steht einen Moment im Zenit, verwandelt sich in glitzernde Sterne, sinkt und verglüht – ein Sinnbild menschlicher Existenz. Solche Eigentümlichkeiten machen ein Feuerwerk „schön“ und qualifizieren es – zumindest potentiell – zu einem Kunstobjekt.

Was leistet dagegen ein Skybeamer (vom Typus jener am Wellcome Hotel)? Seelenlos-monoton bestreicht er mit seinen paar grellen laserartigen Strahlen den Nachthimmel, stundenlang im immer gleichen Rhythmus, ein optischer Rasensprenger ohne dessen sinnvolle Funktion. Stumpfsinnige Redundanz. Wenn ich das als „Dreck“ bezeichne, benutze ich dieses Wort nicht ästhetisch-wertend, sondern informationstheoretisch-beschreibend: der Skybeamer produziert nichts als „optisches Rauschen“ = „Lichtverschmutzung“, umgangssprachlich „optischen Dreck“. Dass er dabei nicht auch noch stinkt oder schmutzige materielle Teilchen produziert, gebe ich gerne zu, versöhnt mich aber nicht mit ihm.

d) Zusatzbemerkung: Nebenbei zerstört der Skybeamer durch sein optisches Rauschen den „Malgrund“ für die Kunstform des Feuerwerks, den schwarzen Nachthimmel. Deswegen haben Skybeamer gerade in der Sylvesternacht nichts am Himmel verloren!

e) Ich bitte sich kurz vorzustellen, dass weitere Bamberger Kneipen, Diskos und Event-Veranstalter Skybeamer nett finden, und nicht nur in der Sylvesternacht …

Nachtrag vom 19.1.2012: Was man mit Licht und Skybeamern anstellen kann, wenn man darf wie man will, zeigt das Bild einer chinesischen Metropole: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-77532.html

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