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Posts Tagged ‘Stilistisches’

Verschwurbeltes Hochschuldeutsch

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,758029,00.html

Formulierungsfehler – Beispiele aus der Praxis

Die Abschlussarbeiten der PrüfungskandidatInnen dieses Semesters häufen sich auf meinem Schreibtisch, eine intensive Korrigierphase steht an. Dabei stoße ich immer wieder auf Fehler, aus denen etwas zu lernen ist.

Hier Beispiele für schiefe Formulierungen bzw. eine falsche Ausdruckswahl, im ersten Fall kommt ein ganz anderer als der intendierte Sinn zustande:

Zitat:

Aus heutiger Sicht sind die Forschungslücken in der Geschichte der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert für diesen Zweick jedoch ausreichend rekonstruierbar.

Kommentar: Dieser Satz ist grundsätzlich unglücklich formuliert, er ist unübersichtlich und schwer verständlich, die Präposition „in“ vermutlich auch sinnwidrig. Worauf ich aber jetzt hinaus will, ist das Verb. Weil „rekonstruierbar“ schön anspruchsvoll klingt, ist die Verf. offensichtlich der Versuchung erlegen, dieses Wort zu verwenden, anstelle das vom Sinn her richtige „zu schließen“. Dass „Forschungslücken“ ausgerechnet „rekonstruiert“ werden sollen, ergibt einen ungewollt lustigen Effekt.

Weiteres Zitat:

In ihm sind alle negativen Klischees des Deutschen vereinbart.

Kommentar: Das Verb „vereinbaren“ setzt Akteure voraus, die untereinander etwas absprechen. Richtig wäre hier das Wort „vereint“ oder eine Alternativ-Formulierung wie „Diese Figur versammelt alle negativen […].“

„Traummann“ oder „Traum aller Männer“

15. Oktober 2010 2 Kommentare

Präzises Denken und ein entsprechend stimmiges Formulieren sollte für Germanisten eine Selbstverständlichkeit sein. Ich bin davon überzeugt, dass die Wirtschaft Absolventen unseres Studiengangs nicht zuletzt wegen dieser Kompetenz einstellt.

In diesem Zusammenhang habe ich heute zwei schöne Beispiele für falsches Denken und/oder Formulieren bei unserem lokalen Radiosender aufgeschnappt. Im einen Fall führte ein Moderator seinen Studiogast, dem er schmeicheln wollte, als „Traum aller Männer“ (der Typ kam gut an, es war kein Lokomotivführer!) ein; sagen wollte er vermutlich „Traummann“, gedacht hat er vielleicht „Traum aller Schwiegermütter“. Die zweideutigen Implikationen der ersten Formulierung sind im entgangen; etwas unverfänglicher wäre noch „Traum aller Frauen“ gewesen.

Im anderen Beispiel berichtete eine Redakteurin von einer Aussichtsplattform in den Alpen, die als Gitterrost in luftiger Höhe einen speziellen touristischen Kitzel bietet. Sie erzählte, man könne auf dieser Plattform „unter den eigenen Schuhsohlen“ hunderte Meter tiefer dies und das sehen. Scheint mir ziemlich unlogisch: Gerade unter den eigenen – wohl kaum durchsichtigen – Schuhsohlen dürfte man meines Erachtens nichts sehen. Denk- und Sprachfehlern dieser Art, die vor 20, 30 Jahrem keinem Absolventen einer Hauptschule unterlaufen wären, begegnet man heutzutage in den Medien auf Schritt und Tritt.

Logisch denken, korrekt formulieren!

Zu einer gut formulierten Wissenschaftsprosa gehört ganz wesentlich dazu, dass die Gedankenführung auch im Kleinen stimmt.

Beispiele aus der Praxis:

1.  Lovells Schuss verfehlt Wilmont absichtlich.

2. Das Motiv des Verhängnisses, das auf den Romanpersonen lastet, […].

Zu (1): Ein „Schuss“ ist zu keiner Absicht fähig; natürlich ist gemeint, dass Lovell Wilmont „mit seinem Schuss“ absichtlich verfehlt – aber dann sollte man das auch so ausdrücken.

Zu (2): Hier gehen die Ebenen der Geschichte und der textwissenschaftlichen Analyse gedanklich bzw. in der misslungenen Formulierung durcheinander: Auf den Romanpersonen (besser: Romanfiguren! Es handelt sich ja um die Gestalten eines fiktionalen Textes, nicht solche der Realität.) lastet vielleicht ein „Verhängnis“, aber sicher kein literarisches Motiv!

Stilistisches (Gedanken beim Korrigieren)

Man kann nicht jedes Wort der deutschen Sprache nach Belieben flektieren. Auch kreative Germanisten werden sich beispielsweise schwer damit tun, „aber“ in den Dativ zu setzen. In ähnlicher Weise sträuben sich manche Wörter dagegen, gesteigert zu werden. Was aber für viele Zeitgenossen – Studierende, Journalisten, Regierungssprecher – kein Hinderungsgrund ist, es immer wieder zu probieren.

„Um Kleists Penthesilea zur Gänze zu verstehen, müssen wir die verschiedensten Methoden in Anwendung bringen.“ Wenn ich dies lese, steigt – um es einmal mit den Worten Robert Schindels zu sagen – Bitterkeit in mir auf. Könnten wir uns vielleicht an dieser Stelle einmal grundsätzlich darauf einigen, „verschieden“ hinfort nicht mehr in den Superlativ zu setzen? Ich glaube, damit wäre schon viel gewonnen. Für die deutsche Sprache, für meinen Magen.

Manchmal, in leider viel zu seltenen glücklichen Momenten ist es aber doch wieder möglich, und sogar mit Gewinn, gegen die pedantischen, uns so schrecklich gängelnden Sprachregeln zu verstoßen: „Selten war in einem Lied die Verpflichtung zur komplett rasenden Blödsinnigkeit und köpfischen Heißluftigkeit so evident wie in den legendären 99 Luftballons von Nena, der dahergelaufensten Trulla auf dem bundesdeutschen Schlagermarkt der Anfangsachtziger.“ (Zitat Michael Rudolf in Schlager, die wir nie vergessen, Reclam-Bibliothek Bd. 1583.) Hier steigt Heiterkeit in mir auf.

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