„Authentizität“. Über eine problematische Qualität regional orientierter Literatur.

Regional orientierter Literatur, auch und gerade deren dialektal verfassten Genres, wird ein Zug zum Wahren, zum sog. ,Ursprünglichen’ und ,Echten’ nachgesagt, zum ,Realistischen’ und ,Authentischen’. Regionalliteratur besitzt leider als literaturwissenschaftliche Kategorie keinen eindeutigen Referenzbereich; am weitesten verbreitet dürfte noch eine Gegenstandsvorstellung sein, bei der geographische Bestimmtheit, realistisch-einfache Vertextungsstrategie, Überschaubarkeit eines provinziellen Schauplatzes, kulturkritische Ideologie, Heimatkomplex und anderes mehr variantenreich zusammenspielen.

In meinem Beitrag gehe ich von einer engeren und weniger vielschichtigen Definition von Regionalliteratur aus: Objektbereich sei eine historisch ausschließlich auf die jüngere Neuzeit beschränkte Erscheinung, welche auf den Universalisierungsschub dieser Epoche vermittels einer (zumeist positiv bewerteten) Markierung räumlich situierter kollektiver Individualität reagiert. Diese „regionale Individualität“ kann durch unterschiedliche Zeichen zum Ausdruck gebracht werden: durch Landschaftselemente, Sitten, Normen, Haltungen, sprachliche Indikatoren, sozialgeschichtliche Ereignisse, komplizierte ideologische Konstrukte wie Mentalitätsunterstellungen usw.

Regionalistische Literatur bereichert dabei als Sonderfall regional orientierter Literatur die strukturelle Grundspannung von Universalisierung und Besonderung um die zusätzliche (und abermals bewertete!) Opposition von Zentrum und Peripherie. Ich verzichte im Gegensatz zu verbreiteten Gepflogenheiten auf eine Verbindung der Regionalliteratur mit dem Provinz- und Agrarkomplex sowie zur darstellungstechnischen Simplizitätsnorm; implizit erhalten bleibt allerdings der Bezug zum Heimatthema.

Was nun meine These zur betonten Authentizität regional orientierter Literatur betrifft, so versucht sie der Tatsache Rechnung zu tragen, dass „Authentizität“ als Phänomen der neuzeitlichen abendländischen Kulturgeschichte auch abseits räumlich orientierter Genres eine Rolle spielt: Rousseaus Aufrichtigkeitsrhetorik, der feministische Diskurs oder die Schreibweise der sog. subjektiven Authentizität in der DDR-Literatur der siebziger Jahre sind nur einige Beispiele. Alle einschlägigen Konstellationen treffen sich jedoch in einer spezifischen Konfliktstruktur, bei der zwei mehr oder minder antagonistische ideologische Systeme, und zwar ein etabliertes und ein innovatives, aufeinander prallen. In dieser fundamentalen Konfrontation entwickelt die häretische Seite spezifische Ansichten, Haltungen und Werte, die diskursiv kodiert und als sachlogisch und/oder moralisch überlegen gewertet werden. Das Authentizitätskriterium wird in Anschlag gebracht, um das eigene häretische Diskurssystem, das zum Zentrum gesellschaftlicher Macht peripher liegt, zu qualifizieren, wobei dessen Kommunikanten durchaus eingeschlossen werden können: Authentizität als Texteigenschaft wird so auch zum Merkmal eines Menschen bzw. einer Personengruppe.

Hinter der Kritik an ,Authentizitätskulten’ wäre dieser Auffassung zufolge umgekehrt eine Einstellung zu sehen, die gewissermaßen als ,Rache des Imperiums’ begriffen werden kann: Das Diskurssystem des Zentrums verteidigt seine Position. Schon die Betrachtung weniger authentischer Redegesten im Prozess der jüngeren europäischen Liteaturgeschichte spricht gegen die Hoffnung, Authentizität als inhaltlich fixierbare Objekteigenschaft von Texten fassen zu können. Statt dessen schlage ich vor, Authentizität als Symptom eines kongenialen, gesellschaftlich peripher angesiedelten Kommunikationsverhältnisses anzusehen, das sich in polemischer Distanz zum zentralen Diskurssystem einer Gesellschaft befindet.

Selbstverständlich können Texte derartige Kommunikationskonstellationen ,bahnen’, d.h. sie haben einen Einfluss darauf, dass Leser ihnen ,kongenial’ begegnen und ihnen ,Authentizität’ zubilligen. Im Rahmen der hier skizzierten formalen, inhaltlich offenen Authentizitäts-Theorie lassen sich einzelne Möglichkeiten von Regionalliteratur beschreiben, zeit-, genre- und rezipientenspezifische ,Authentizitätsstile’ auszuformen. Stichworte für dergestalt historisch konkretisierte Vertextungsverfahren regional orientierter Literatur wären z.B. fingierte Oralität, emotionale Besetzung der Nahwelt, ihrer Objekte und sprachlichen Zeichen, Wiedererkennungs-Effekte, Schema-Abweichungen, Verwendung sog. schwerer Zeichen und Ähnliches mehr.

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