Dialekt als Waffe. Programmatik und Praxis des elsässischen Dichters André Weckmann.

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Der Beitrag analysiert und interpretiert exemplarisch u.a. Weckmanns Gedicht chinesisch (scháng dsunn schint schun láng). Der Vergleich zwischen Weckmanns Programmatik und literarischer Praxis fällt auf den ersten Blick beeindruckend (und beruhigend) kongruent aus. Hier hält einer, was er verspricht: Sein Umgang mit dem Dialekt wird niemals zum unverbindlichen Spiel auf der „exotischen Koloratur“, sondern konsequent für ein politisches Anliegen funktionalisiert. Die Fähigkeit der Mundart zur politischen und – in vielleicht hier noch höherem Maße – zur rhetorischen Leistung wird virtuos demonstriert. Der Autor unterstützt so regionales Selbstbewusstsein, weckt möglicherweise sogar fremdes Interesse.

Problematisch wird der Zusammenhang zw. Praxis und Programmatik jedoch in seiner Begründung durch den Dichter. Dessen Vertrauen in eine quasi natürliche emanzipatorische oder ideologiefeindliche Qualität der Mundart aufgrund ihrer Normfreiheit, ihrer Nähe zur Alltagswelt etc. ist entschieden zu widersprechen. Mundart ist hinsichtlich ihres Gebrauchs ambivalent wie alle anderen menschlichen Kommunikationssysteme; wegen ihrer Verknüpfung mit der primären Sozialisationssphäre und der daraus resultierenden Vertrauenswürdigkeit und Suggestivität kann sie u.U. eine besonders scharfe „Waffe“ sein: allein bleibt damit offen, wer diese Waffe führt.

Die „Instinktverwirrung“, die den Menschen auszeichnet, macht vor dem Kreis heimatlicher Identität und Sprache nicht halt. Es ist unser Vorzug und unser Unvermögen zugleich, Wertentscheidungen ,frei’ (im sinne von nicht-instinktgeleitet) fällen zu dürfen – oder zu müssen. Indem sich solche Wertentscheidungen aber in kulturellen Schöpfungen manifestieren, determinieren sie in beträchtlichem Ausmaß zukünftiges Entscheidungsverhalten, und zwar um so rigoroser, je weniger widersprüchlich jene Manifestationen in sich sind. Regionalsprachen sind m.E. aus oben genannten Gründen kleine, aber ausgezeichnete Teilsysteme innerhalb der Gesamtheit kultureller Manifestationen, die mit der Hauptmasse politischer Entscheidungen, welche auf unterer und mittlerer Ebene zu bedenken, zu fällen und zu vertreten sind, in enger Verbindung stehen.

Außerordentlich spannend wird nun das Projekt ,Dialekt als Waffe’, wenn sich aufgrund einer bestimmten historischen Konstellation die Gelegenheit bietet, eine Mundart dergestalt zu monopolisieren, dass in ihren überdauernden Manifestationen feste Zuordnungen von historischen Ereignissen, Konflikten, Situationen, Personentypen sowie bestimmten Bewertungen installiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt wäre die elsässische Mundartliteratur der Gegenwart und die herausragende Rolle André Weckmanns in einer eigenen Abhandlung zu untersuchen.

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