„Die Heiligung des Diesseits.“ Die Leichenrede als Motiv und Strukturprinzip in Uwe Timms Roman Rot.

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Der Beitrag macht drei Thesen plausibel:

1. Uwe Timms Roman Rot ist ein komplexes System vieler Leichenreden, das als Gesamtsystem ebenfalls eine Leichenrede darstellt. Die Leichenreden dieses Systems gelten Menschen, aber auch einer Epoche bzw. einem Wertesystem; sie erfüllen die zentralen officia klassischer Funeralrhetorik, die dem Tod die Zähne zu ziehen hatten: Trauer (lamentatio), Lob (laudatio) und Gedächtnisstiftung, Trost (consolatio) und Dank (gratiarum actio), gehen aber noch darüber hinaus.

2. Bei genauerer Betrachtung dieses Funktionsüberschusses ist der Roman als hagiographische Textsorte zu klassifizieren. Er schlingt ein Band der Einigkeit und Sympathie um Redner und Hörer bzw. Leser und regt zur Nachfolge (imitatio) an, wenigsten im Sinne der Akzeptanz bzw. Übernahme eines spezifischen Wertekanons.

3. Insofern stelle ich mich gegen das (zum Zeitpunkt der Publikation!) übliche Verständnis dieses Romans als eines resignativen Schwanengesangs der Epoche „68“. Rot behauptet als eine profane Legende zentrale Perspektiven und Werte der 68er Bewegung in einem veränderten historischen Umfeld und reicht gewissermaßen den Staffelstab an eine jüngere Generation weiter.

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