Die Legende. Kulturanthropologische An­näherung an eine literarische Gattung.

Diese Studie erarbeitet ein integratives Rahmenkonzept für die von mehreren wissenschaftlichen Disziplinen betriebene Legendenforschung. Es beschreibt allgemeine Voraussetzungen der Gattung, bezeichnet wesentliche Strukturen und Konstituenten, bestimmt die Position der Legende in einem Fächer verwandter Textsorten (Mythen, Märchen, Sagen, Heroenbiographien, Spukgeschichten usw.) und lotet Spielräume für poetische, politische und parodistische Varianten aus. Eine erhebliche Ausdehnung des traditionellen Kanons christlich-mittelalterlicher Legenden trägt zur Überwindung kulturspezifischer Kurzschlüsse bei. In zahlreichen Analysen einschlägiger Werke von Luther, Goethe, Kleist, Heine, C.F. Meyer, Keller, Brecht, Th. Mann u.a. wende ich meine Gattungskriterien auf komplexe literarische Legenden bzw. legendenartige Texte an. Die Arbeit richtet sich an Literatur- und Religionswissenschaftler, Erzählforscher, Ethnologen, Soziologen und Kulturanthropologen.

Inhalt

Vorbemerkung

I. Gegenstand und Fragestellungen

1. Einleitendes (Kurzer Aufruf zur Selbstbescheidung – Was literaturwissenschaftliche „Gattungen“ sind, wozu man sich mit ihnen abgibt und wie man sie gelegentlich noch nennt – „Gattungen“ in anderen Wissenschaften – Ein Ausflug zum Abgrund – Sprachliche und literarische Textklassen und Textklassensysteme – Wie das Chaos theoretische Gattungsbegriffe gebiert und wie der vorliegende Versuch eingeordnet werden könnte – Worauf die Bestimmung „kulturanthropologisch“ verweist – Annäherung an die Praxis der Legendenforschung – Aufbau der Arbeit – Allgemeine Ziele der Arbeit – Vereinbarungen)

2. Problemfeld „Textinterpretation“

3. Problemfeld „moderne Legende“

4. Problemfeld „praktizierte Textsortentheorie“, Anknüpfungsversuche und gute Vorsätze

II. Vom Mythos zur Legende: zum Prozeß kultureller Differenzierung

1. Die Legende als religiöse Textsorte

2. Wo Anfänge greifbar werden

a) Der Totemvorfahr auf Wanderschaft: ein Mythos australischer Aborigines

b) Die Geburt des Gottkönigs: drei altägyptische Erzählungen

c) Ableitungen

III. Strukturzüge der Legende

1. Religion im Zeichen der transzendenten Gottheit

2. Hypothesen der Achsenzeitforschung

a) Die scharfe Trennung der „Welten“ begünstigt neue Eliten

b) Die Institutionalisierung der transzendenten Idee erzwingt eine Reorganisation der Welt

c) Die Kulturen entwickeln ein internes Gefälle vom Zentrum (von den Zentren) zur Peripherie

d) Die politische Ordnung wird der transzendenten nachgeordnet

e) Menschen denken systematisch über Glück nach

f) Zur Differenzierung achsenzeitlicher Visionen

3. Relationen zwischen Geschehen, Geschichte und manifester Oberfläche von narrativen Texten

4. Konstituenten der Legende auf der Ebene der Geschichte

a) Vertikale und horizontale Spannungsfelder

b) Spannungsausgleich im Okzident: der Einbruch des Absoluten in die Sphäre des Bedingten

c) Figurenkonstellationen, Heilswege und Handlungsmuster

5. Konstituenten der Legende auf der Ebene der Erzählweise, des Erzählvorgangs und der Erzählinstanz

a) Produktion und Reduktion kognitiver Dissonanz: der mehr oder weniger wohlgeordnete Einbruch des Absoluten

b) „Wo Gnade ist“, antwortete Johannes, „da ist namenloses Leid.“: Die „Ausbeutung“ des Heiligen zum Zwecke des Heils – zur Kommunikationssituation der Legende

c) Daniel in der Löwengrube, Winnetou am Marterpfahl, Hexe auf dem Scheiterhaufen: Cui bono? Noch einmal zum Relevanzkriterium

6. Kontext-Relationen der Legende

a) Die besondere Ausnahmelogik der Legende: noch einmal zur dogmatischen Dimension

b) Zwischen Wahrheit und Lüge: zur Wirklichkeitsverankerung der Legende

c) Aspekte der Produktion von Legenden

7. Ambivalenz als Strukturmerkmal der Legende

a) Ambivalenz als Kategorie ästhetischer Erfahrung

b) Ambivalenz als Wesenszug des Religiösen: zur Sicht der Religionssoziologie (I)

b) Zur Ambivalenz „religiöser“ Institutionalisierung: die Sicht der Religionssoziologie (II)

IV. Zur systematischen und historischen Spannweite der Gattung

1. Formal-strukturelle Subgenres der Legende

2. Schichtenspezifische Subgenres

3. Kommunikativ-strukturelle Subgenres

4. Medial-strukturelle Subgenres

5. Kulturkreisspezifische Subgenres

V. Textanalysen

1. Martin Luther: Die Lügend von St. Johanne Chrysostomo. Ein Beispiel interkonfessioneller Legendenpolemik

2. Von Hufeisen, Bajaderen und Parias: Legendarisches bei Goethe

3. Kopfgeburten? Zur literarischen Gestaltung einiger Legendenmotive im 19. Jahrhundert: Kleists Cäcilienlegende, Heines Wallfahrt nach Kevlaar, Meyers Der Heilige

4. Verschiedenerlei Parodien: Gottfried Kellers Sieben Legenden, Heinrich Gottfried Bretschneiders Almanach der Heiligen, Guillaume Apollinaires Drei Geschichten über die Strafe Gottes, Robert Gernhardts Bericht Vom lieben Gott, der über die Erde wandelte

5. Reflektierter Umgang mit Tradition: Bertolt Brechts frühe „Legenden“-Gedichte

6. Atheistische Legenden? Bertolt Brechts Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration und Anna Seghers’ Agathe Schweigert

7. Eine „Legende“ für den Advocatus Diaboli: James Patrick Kellys heilige Theresa der Aliens

8. Ein exemplarisches Wunder des Himmels zugunsten des Teufels: Franz Werfels arge Legende vom gerissenen Galgenstrick

9. Ein heiliger Sünder: Thomas Manns Erwählter

10. Seltsame Heilige, einschlägige Schelmengeschichten: Wonnebald Pück und das Pfäfflein Domenico

11. Charismatisches Erzählen: Legenden der Chassidim

VI. Ausblick

VII. Literatur

1. Abkürzungen

2. Quellen

3. Allgemeine Nachschlagewerke

4. Darstellungen

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