Gottfried Kellers Novelle Das verlorne Lachen. Kritik eines Re­zeptionsmusters.

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In diesem Aufsatz wird das auf die Formeln „Zeitkritik“ und „Altersverdüsterung“ hinauslaufende etablierte Rezeptionsschema der Kellerschen Novelle vom Verlornen Lachen rekonstruiert, in seiner Genese verfolgt und zurückgewiesen, da es mit dem Text nur partiell vereinbar ist. Dagegen wird angeboten, die Novelle als Darstellung eines Seldwyler Schicksals zu lesen, des mühevollen Reifungsganges eines jungen Mannes (in zweiter Linie auch einer jungen Frau) zu einer aufgeklärten Lebenshaltung.

Diese Lesart erlaubt die sinnvolle Einbeziehung einer ganzen Reihe ansonsten beiläufiger Details in die Interpretation sowie eine präzisere Strukturierung des Erzählgefüges, sie beleuchtet einen ironischen Grundzug des Kellerschen Erzählens und gestattet eine unproblematische Integration des „märchenhaften“ Schlusses. Die hier vollzogene Deutung hellt das Bild der Altersproduktion Gottfried Kellers auf und legt nahe, die Interpretation auch anderer Werke dieser Schaffensperiode kritisch zu überprüfen.