Plädoyer für eine neue Rezeption von DDR-Literatur, demon­striert an Christa Wolfs Sommerstück. Wissenschaftliche Argumente gegen Tendenzen der jüngsten deutschen Literaturdebatte.

Der Beitrag schlägt vor, Christa Wolfs Erzählung Sommerstück als Idylle zu lesen. Die Wahl einer entsprechenden Vertextungsstrategie durch die Autorin scheint gut begründbar:

1. Die Idylle entspricht einer bestimmten psychologischen Disposition des Menschen, die in Krisenzeiten aktiviert werden kann: „Regression als Überlebenstechnik und Psychotherapie“.

2. Die Idylle ist als poetischer Rechtstitel auf individuelles Glück ein günstiger Gestaltungsrahmen für das zentrale Thema der Christa Wolf: das Zu-sich-selber-Kommen des Menschen.

3. Ihre intensive Beschäftigung mit Romantik und weiblicher Identität führt Wolf in den siebziger Jahren zu einer bestimmten Auffassung von Literatur als Mittel der Selbstbehauptung und als eines Sehnsuchtsorgans, welche der Idylle kongruent ist.

4. Die seriöse Idylle stellt mit ihrer ,eingebauten’ Dialektik von Gegenwelten das ideale Modell dar, die gesellschaftliche Existenzform des modernen Intellektuellen zwischen Privilegierung und Wirkungslosigkeit abzubilden, übrigens nicht nur die spezifische des DDR-Intellektuellen, sondern auch die postmodern-plurale des westlichen Kulturschaffenden, welche Werckmeister im Jahre 1989 scharfsinnig analysierte und auf den polemischen Begriff der Zitadellenkultur brachte. Gerade die Strukturierung der Idylle ermöglicht den ansonsten verwehrten kritischen Außenblick auf die moderne Zitadellengesellschaft.

Es scheint mir aus den genannten Gründen fruchtbar, Wolfs Sommerstück in den Gattungszusammenhang einer angemessen aufgefassten Idyllik zu rücken. Dort kann der Text als ästhetisch seriöse Antwort auf fundamentale psychologische, gesellschaftliche und künstlerische Problemstellungen gelesen werden. Der gegenüber DDR-Literatur (zumal zum Zeitpunkt der Publikation dieses Essays!) übliche biographisch-politische Kurzschluss wird so vermieden. Dass in den Text authentische Erfahrungen seiner Autorin eingeflossen sind und dass die Erzählung Anteil an weiteren diskursiven Formationen hat, soll gar nicht in Abrede gestellt werden; aber mein Akzent sitzt nun einmal auf der spezifischen poetischen Gestaltung solcher Erfahrungen.

Das Werk erscheint so als beachtenswertes Glied einer weitgespannten Traditionskette. Aus diesem Zusammenhang ergeben sich interessante Beobachtungsperspektiven und Fragestellungen. Zugleich wird es aber auch möglich, den Text in seiner individuellen und historischen Eigenart wahrzunehmen, die als Abweichung von der Überlieferung ins Auge fällt. Vom Gattungskonzept der Idylle her ist das Sommerstück im Unterschied zu anderen Interpretationen als ästhetisch wohlorganisierter und für eine gewisse historische Epoche repräsentativer Text zu würdigen.

Mit dem Rezeptionsschema der Idyllik wurde bewusst und exemplarisch auf ein Wahrnehmungsmuster zurückgegriffen, das an Texten mehr artistische Potenz erkennen lässt, als es mit Hilfe der im Kontext von DDR-Literatur üblichen biographischen und (kultur-) politischen Rasterfahndungen möglich ist. Dieser Zugriff erlaubt es, jenseits ideologischer Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt ostdeutscher Sprach-, Denk- und Lebensformen Rechnung zu tragen. Die Pointe des hier eingeschlagenen Verfahrens besteht darin, dass die vielfach erhobene Forderung, die ostdeutschen Autoren sollten in Zukunft ihre ästhetischen Defizite beheben, an die Kritiker zurückgegeben wird.

Der am Beispiel einer prominenten Autorin erhobene Befund kann zu einem Appell verallgemeinert werden: Nach Beendigung der deutsch-deutschen Konfrontation scheint es an der Zeit, DDR-Literatur auch ästhetisch ernst zu nehmen.