“Aber richtige Sommer, die hat es auch gegeben.” Unterschiedliche Vertextungsstrategien im Spannungsfeld von Erinnerung und Identitätsbildung bei Hermann Kant, Uwe Timm und Peter Kurzeck.

Dieser Beitrag schließt ganz bewusst nicht an die großen Debatten zum nationalen Identitätsdiskurs an, wie sie von Geistes- und Geschichtswissenschaften in den 1970er und 80er Jahren geführt wurden. Es geht hier nicht um das nationale Kollektiv und dessen Geschichte, sondern – wesentlich konkreter – um literarische Darstellungen erfolgreicher deutscher Identitätskonstruktionen innerhalb spezieller Erfahrungsmilieus nach 1945. Fündig geworden bin ich bei Hermann Kant (Die Aula), Uwe Timm (Rot) und Peter Kurzeck (Ein Sommer, der bleibt), drei Autoren mit ebenso unterschiedlichen biographischen Erfahrungen wie politischen und ästhetischen Positionen Die ausgewählten Texte, zwei Romane und ein als Hörbuch publizierter Monolog, orientieren sich an differenten Darbietungsstrategien, die sich gleichwohl auf die zentralen Fragen der Identität einlassen: Wer bin ich? Wer war ich? Was will ich sein? Was tue ich? Wie sehen mich die anderen?

Alle Protagonisten leisten Erinnerungsarbeit, um ihre personale und kollektive Identität zu klären. Dieser Prozess gelingt in allen Fällen überraschend gut, weil bestimmte Lebenserfahrungen und kollektive Werthorizonte im Rückblick affirmiert werden können. Identität entsteht dabei jeweils als Produkt des sich im Erinnerungsvorgang als Subjekt konstituierenden Individuums. Entgegen zahlreichen Theorien, die Identität nur als Konstrukt oder vorläufiges Stadium, als Illusion oder prinzipiell uneinholbares utopisches Ziel zu denken bereit sind, suggerieren unsere Beispiele, indem sie die Komplexität realer Identitätsbildungsprozesse reduzieren, sowohl vollständige Selbsttransparenz als auch Erreichbarkeit des angestrebten Ziels. Erstaunlicherweise erscheinen diese Darstellungen dennoch glaubhaft.

Robert Iswalls Selbstbild ist von Anfang an stark in seiner sozialen Herkunftsklasse verwurzelt. So lässt ihn auch der Aufstieg vom Elektriker zum Intellektuellen im Wesenskern unverändert. Iswall behauptet seine nie ernsthaft angefochtene Kollektividentität als Mitglied der sozialistischen Gesellschaft der DDR, bereinigt aber zugleich einige dunkle Punkte seiner personalen Identität. Dies gelingt unter den herrschenden politischen (und ästhetischen!) Rahmenbedingungen relativ problemlos. Kant profiliert die positive Identität seiner Hauptfiguren durch Abgrenzung von mehr oder minder problematisch gezeichneten Lebensentwürfen einiger Nebenfiguren des anderen deutschen Staates.

Uwe Timms Thomas Linde rechtfertigt seine Identität, die ebenfalls repräsentativ angelegt ist, in der originellen Form einer Art Leichenrede auf sich selbst, die bei genauerer Betrachtung ein politisches Vermächtnis weiterreicht. Seine Reflexionen über das Verfertigen von Leichenreden erörtern den Zusammenhang von ,echten’ Erinnerungen und gegenwartsbezogenen Arrangements dieser Erinnerungen. Ähnliche Überlegungen zur medienspezifischen Gestaltung von Erinnerungen stellt übrigens auch Robert Iswall an. Der Protagonist von Timms Roman lebt aber im Unterschied zu diesem unter wesentlich individualistischeren Rahmenbedingungen und hat sich für seinen Lebensentwurf in einer Nische der kapitalischen Gesellschaft relativ frei entscheiden können.

Peter Kurzeck archiviert durch sein Erzählen sein Leben. Im hier behandelten Hörbuch beschwört er das Paradies seiner Kindheit so suggestiv, dass sich für die Dauer seiner Rede auch die Wirklichkeit des Hörers verwandelt und zur idyllischen Insel in einer zwar nur angedeuteten, aber doch im Hintergrund präsent gehaltenen Wüste moderner Zweckrationalität wird. Wie Uwe Timm entwickelt er eine Identität, die sich erfolgreich gegen die Zumutungen der Realität behauptet. Literarische Entwürfe wie die von Timm und Kurzeck treten gegen das Wirkliche und für das Mögliche ein; darin unterscheiden Sie sich von der Aula Hermann Kants in einem wesentlichen Punkt. Alle besprochenen Beispiele zeigen darüber hinaus, dass Vergangenes immer nur mit der Hilfe von Sprache, deren Zeichen und Genres rekonstruiert werden kann. Literatur verfügt in dieser Beziehung über das am meisten elaborierte Arsenal einschlägiger Angebote.

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