„Vielleicht auch ein bißchen Geschwätz.“ Zur Differenz von An­spruch und Realität in Karl Philipp Moritz’ ,Magazin zur Erfah­rungsseelenkunde‘ am Beispiel der Selbstmordfälle.

Die Argumentation des Essays wendet sich gegen die in der Anthropologie-Historiographie und der teilweise darin verwurzelten Moritz-Forschung und der ihr folgenden Literaturgeschichtsschreibung zu beobachtende Tendenz, dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde eine bahnbrechende Vorreiterrolle für die Entwicklung einer wissenschaftlichen empirischen Psychologie zuzuschreiben. Die Logik dieser Tendenz resultiert, wie gezeigt, aus dem Gang der Forschung, vielleicht auch aus einer gewissen Antipathie des ,Zeitgeistes’ gegen die Schulmedizin und einer daraus resultierenden Suche nach alternativen Modellen am Beginn der modernen wissenschaftlichen Tradition, ganz gewiss aber auch aus einer unrealistischen Beurteilung des Gegenstands.

Eine wiss. Vorreiter-Funktion, wie sie von den Ankündigungen, Vorworten und verschiedenen reflektierenden Passagen des Herausgebers, evtl. auch noch von seinen Anton-Reiser-Auszügen suggeriert werden könnte, kommt dem Magazin in seiner Ganzheit aber bestimmt nicht zu; eher steht zu befürchten, dass eine entsprechende Optik den Blick auf den Gegenstand verzerrt und die eigentliche Leistung des Unternehmens verdunkelt. Auch der Grundsatz bisheriger Moritz-Forschung, die Biographie des Hauptherausgebers, den Anton Reiser und das Magazin als eine sachliche Einheit zu betrachten, scheint mir revisionsbedürftig: die analytische Intensität des Romans wird von der Mehrzahl der Magazin-Beiträge auch nicht entfernt erreicht.

Wert und Relevanz des Projekts für die sich formierende moderne Gesellschaft sollten auf einem anderen Gebiet bestimmt werden: Aktivität entfalten Moritz, seine Leser und Mitarbeiter in erster Linie nicht auf einem wissenschaftlichen, sondern auf dem publizistischen Sektor der schon beträchtlich entfalteten und differenzierten Kultur des ausgehenden Aufklärungszeitalters, Wirkung erreichen sie nicht vermittels einer ernstzunehmenden fachwissenschaftlichen Methode, sondern mit rhetorisch-literarischen Strategien – und hier, auf sozusagen ureigenem Territorium, dürfte auch die literaturwissenschaftliche Analyse ihre fruchtbarsten Ansatzpunkte finden.

Advertisements