Von der Orangerie aufs Treibhaus gekommen. Literarische Reflexe der Entwicklungsgeschichte der Gewächshauskultur bei Eduard Mörike und Theodor Fontane.

Zusammenfassung

Mörikes Mozart-Novelle erinnert an eine scheinbar glückliche Episode aus dem Leben eines künstlerischen Genies, das für eine Weile aktiv an einer höfischen Festveranstaltung teilnimmt bzw. teilnehmen darf, die sich im semiotischen Kontext einer frühneuzeitlichen Symbolsprache entfaltet. Innerhalb dieser Symbolsprache spielt der Mythos der goldenen Äpfel der Hesperiden eine bedeutende Rolle. Gartenanlage, Orangerie, Pomeranzenbaum und seine Früchte sind in diesem Zusammenhang nichts Fremdes, sondern längst Vereinnahmtes, in Besitz Genommenes, in die eigene Tradition Überführtes und innerhalb einer feudalen Gesellschaft instrumentell Benutztes. Fundamental ,fremd’ und ausgeschlossen bleibt auf den zweiten, genaueren Blick der bürgerliche Eindringling (und hier denke ich nicht nur an Mozart, sondern auch an den Erzähler und den ,gemeinen’ Leser), der, wenn er sich eines Goldenen Apfels bemächtigt, mehr Räuber ist, als er – der von der Adelsgesellschaft (von der heiteren Atmosphäre, vom Ton des Erzählers) umschmeichelt wird – selber erkennen kann.

Signifikant für die hier vertretene Lesart ist im Übrigen auch jene Passage, wo Mörike seinen Helden die Pomeranze in zwei Hälften zerschneiden und wieder zusammenfügen lässt; es gibt ikonographische Traditionen der Abbildung von Zitrusfrüchten in Stillleben, wonach die durchschnittene oder halbabgeschälte Frucht die Ambivalenz von Gut und Böse in Form von schöner Schale und bitterem Fruchtfleisch zum Ausdruck bringt. Wenn Mozart „minutenlang“ die Hälften der geteilten Pomeranze anstarrt und seinen Blick immer wieder abwechselnd über Schale und Innenflächen streifen lässt, beschäftigt ihn m.E. die oben bezeichnete Diskrepanz. Freilich kann er sie – im Gegensatz zu seinem literarischen Schöpfer – nicht in sein Bewusstsein heben, was vermutlich auch damit zu tun hat, dass er nicht von der Frucht kostet.

Fontanes kleiner Roman L’Adultera präsentiert mit seinem Venusgarten und seinen Treib- und Palmenhäusern eine modernere und radikalere Variante der feudalen Orangerien der frühen Neuzeit. Die künstlichen Glasparadiese des Industriezeitalters tragen ihre Exotik, ihre Fremdheit offen zur Schau und faszinieren gerade dadurch – und dies in einer durchaus ambivalenten Weise. Der Erzähler expliziert ihre ,verderbliche’ Wirkungsweise, indem er das Treibhausgeschehen als einen zweiten Sündenfall inszeniert. Die kleine Enklave einer fremden Welt scheint (in Verbindung mit der zauberischen Musik Wagners) machtvoll genug, sich integre Menschen zu unterwerfen und die Ordnung der bürgerlichen Welt zu untergraben. Gegenüber diesem – vom Erzähler suggerierten – Verständnis nimmt aber die weitere Geschichte überraschenderweise einen anderen Verlauf. Der vorgebliche Sündenfall stellt sich als Korrektur verkehrter gesellschaftlicher Verhältnisse heraus, und die Ordnung der bürgerlichen Welt steht am Ende gefestigt da. Die scheinbare Exotik der Treibhauswelt arbeitet mit den verdrängten Gefühlen der Menschen heilsam zusammen, kann vielleicht sogar als Projektion eben dieser Wünsche und Emotionen verstanden werden. In dieser Lesart wäre das so grell Fremde am ende nur das unerkannte Eigene.

Zum Publikationskontext:

Der von Jürgen Landwehr hrsg. Band Natur hinter Glas. Zur Kulturgeschichte von Orangerien und Gewächshäusern dokumentiert die erste Jahrestagung des Gamburger Forums für Kulturforschung 2002.

Inhalt:

Vorwort

Martina Junghans

Die Orangerie im Kloster Bronnbach

Heinrich Hamann

Die Entwicklung des abschlagbaren Pomeranzenhauses in Deutschland

Sibylle Hoiman

Die Natur ins Haus holen. Zur Architektur von Orangerien und Gewächshäusern im 17. und 18. Jahrhundert

Wolfgang Settekorn

Wie der Süden im Norden hinter Glas gedeiht. Beobachtungen zu den Nürnbergischen Hesperiden des J. Ch. Volkamer

Johannes Birgfeld

Von Adels Lust zu Bürgers Nutz? Orangerien im (literarischen) Diskursfeld des 18. Jahrhunderts

Hans-Peter Ecker

Von der Orangerie aufs Treibhaus gekommen. Literarische Reflexe der Entwicklungsgeschichte der Gewächshäuser bei Eduard Mörike und Theodor Fontane

Jürgen Landwehr

Einblicke – Ausblicke. Ein Nachwort in kulturwissenschaftlicher Absicht

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